ethnografische notizen 253: köln in zeiten von corona

Hahnenstraße, Köln, 19.03.2020

Innenstadt & Belgisches Viertel

Vorbei an Konrad Adenauer fahre ich an die Seite von St. Aposteln und mache mein Fahrrad an einem Laternenpfahl fest. Der Betrieb im Olivia Culinaria läuft wie immer, nur gerade ohne Gäste. Da wo sich um die Mittagszeit sonst die eher betuchte Kundschaft eine Auswahl Antipasti und Salate zusammenstellen lässt, ist nichts los. Draußen vor der Tür steht kein Spender für Desinfektionsmittel, sondern einer für Bedienungsmarken.

Ein einzelner Verkäufer lugt durch die Tür des Café Fassbender. Der Kaffeehausbetrieb ist eingestellt, man kann aber noch Brötchen, Brot und Kuchen zum Mitnehmen kaufen. „Aktuell können wir keine privat mitgebrachten Becher annehmen“, heißt es auf einer Mitteilung am Eingang.

Schräg über den Platz grüßt ein großer trauriger Smiley im Fenster des Riphahn. „Wenn diese Verfügung unseren Betrieb auch existenziell in Frage stellt, so halten wir die getroffenen Maßnahmen doch für dringend notwendig und erforderlich“, lese ich daneben, „behalten sie uns in guter Erinnerung!“ Der Hashtag zum Klimaschutz auf der Scheibe erinnert daran, wie sich die Aufmerksamkeit verlagert hat. „Nehmen Sie die Bedrohung durch den Corona-Virus sehr ernst, hören Sie nicht auf Verschwörungstheorien und achten Sie auf die wissenschaftlichen Aussagen des Robert Koch Institutes.“

L’Osteria, Hahnenstraße, Köln, 19.03.2020

Auf der Hahnenstraße verkündet die L’Osteria, dass die Pizzaversorgung gesichert sei. Diverse Plakate erklären wie Bestellung und Abholung funktionieren. Die Telefonnummer auf dem großen handgemalten Banner an der Fassade ist auch für Autofahrer*innen gut zu erkennen. Darüber ein Herz mit der Aufschrift „con amore“.

Die Vapiano-Filiale um die Ecke ist geschlossen, derzeit gibt es auch kein Take-out. Ein einzelner Mann mit Hund studiert ausgiebig die Speisekarte. „Bald wieder für euch da“ steht an der Türe. Am nächsten Tag machen die Meldungen von der Insolvenz des Unternehmens die Runde.

Die Eisdiele Breda am Rudolfplatz weist die Besucher darauf hin, dass es keine Sitzmöglichkeiten mehr gebe, dass man bitte einen Meter Abstand halten und einzeln eintreten solle. „Wir bitten sie um Verständnis, dass alle unsere Spezialitäten und Eis nur zur unmittelbaren Mitnahme sind.“

Im Chidonkey, ein paar Schritte weiter gibt es „Burritos und Bowls to go“. Die beiden Mitarbeiter*innen lächeln mich durch das Fenster an, als ich ein Foto vom selbstgemalten Schild mache. Die Stimmung ist entspannt. „Wie läuft’s denn so”, frage ich durch die offene Türe. „Geht so“, antwortet der junge Mann.

Vapiano-Filiale am Rudolfplatz, Köln, 19.03.2020

Vor dem Kitti Chai in der Ehrenstraße parkt ein schwerer, schwarzer Mercedes mit Bonner Kennzeichen. Vier ältere Männer sitzen an einem der Tische auf dem Bürgersteig. „Risikogruppe“, denke ich und mache ein Foto vom Aushang. Selbstabholer bekommen 10 Prozent Rabatt, bestellt wird drinnen, das Essen dann nach draußen gebracht. Die Herren scheinen sich sichtlich wohl zu fühlen. „Uns nicht fotografieren“, sagt einer. „Doch“, ein anderer, „für ne Fuffziger!“ „Wir sind nämlich auf Freigang“, der Dritte. Eine ältere Frau schimpft im Vorbeigehen, dass die Gruppe den Ernst der Lage wohl noch nicht verstanden habe. „Eine Unverschämtheit ist das“, sagt sie zu mir. Als ich eine halbe Stunde später wieder vorbeikomme, sind fast alle Tische belegt und das bestellte Essen wird einfach in der Sonne vor dem Laden verzehrt.

Nebenan hält das Café Waschsalon eine andere Botschaft bereit, passenderweise auf einem Streifen Toilettenpapier. „Liebe Gäste, denkt dran: Et hätt noch immer jot jejange.“

Vor dem Brownies, Ecke Maastrichter Straße schleifen ein paar Mitarbeiten die Holztische ab und auch innen scheint alles auf Links gedreht zu sein. Auch der Burgerladen Marx & Engels an den Ringen nutzt die Zeit für eine Renovierung.

Die Bar Little Link bewirbt auf Zetteln quer durch die Innenstadt den innovativen Liefer- und Abholservice. „Für den gemütlichen Barabend zuhause hat unser To-Go-Fenster täglich von 15.30 bis 22.30 Uhr geöffnet.“ Mittels QR-Code kann man aber auch bestellen, „jetzt preisgekrönte Cocktails zuhause genießen.“

Das Weinhaus Linke schräg gegenüber nimmt ebenfalls telefonische Bestellungen entgegen und liefert ab sechs Flaschen.

Becher’s Backhaus, Brüsseler Platz, Köln, 19.03.2020

Das Brüsseler möchte auch in Krisenzeiten weitermachen und testet von Freitag bis Sonntag einen to go-Verkauf für halbe Hähnchen. Die Bestellungen müssen am Tag der Abholung bis 13 Uhr per Mail eingegangen sein. „Wir honorieren euren Einsatz“, heißt es weiter, „Ärzte, Krankenschwestern, Sanitäter, Feuerwehr, Kassierer, etc. erhalten 1 Getränk aufs Haus.“

Vor Le Kiosk am Brüsseler Platz treffe ich auf eine ehemalige Kollegin. Mit gebührendem Abstand unterhalten wir uns. Eine weitere Freundin kommt zufällig vorbei und hält ebenfalls an. Wir alle sind jetzt schon, nach nur wenigen Tagen des „social distancing“, nicht nur hungrig nach Sonne, sondern auch nach spontanen Gesprächen.

„Jetzt machen wir genau das, was wir nicht tun sollten“, sage ich und wir verabschieden uns schnell.

 

Anmerkungen:

Die Reportagen sind als Momentaufnahmen konzipiert. Die Ereignisse und Beobachtungen sind bei Erscheinen ca. zwei Tage alt, da ich Zeit brauche, um die Fotos zu archivieren, meine Notizen auszuwerten und einen Text zu schreiben. Vieles ist dann vielleicht schon nicht mehr aktuell, weil sich die Lage kontinuierlich verändert.

Grammatik, Orthographie und Zeichensetzung der Schilder habe ich in einzelnen Fällen behutsam angepasst, weil es nicht darum geht, möglichst lustige Beispiele zu finden. Die Originale sind auf den Fotografien dokumentiert.

Alle Rundgänge durch die Stadt wurden unter angemessenen Vorsichtsmaßnahmen durchgeführt. Ich fahre derzeit nicht mit der KVB, sondern mit dem Fahrrad. Ich bin allein unterwegs und halte Abstand zu anderen Menschen und führe allenfalls kurze Gespräche.

Meine Blogbeiträge verstehe ich als journalistischen Beitrag zur Bewältigung der Corona-Krise und ihren noch nicht absehbaren Folgen für die gastronomische Landschaft der Stadt.