ethnografische notizen 250: Heiligmittag

Hühnersuppe mit Einlage, Heiligmittag 2019

Hühnersuppe mit Einlage, Heiligmittag 2019

In diesem Jahr ist alles anders und trotzdem muss es so bleiben, wie es immer war. Die Tatsache, dass ein Familienmitglied fehlt ist eine Sache, die Tatsache, dass die meisten der familiären Traditionen über all die Jahre von diesem einen Menschen installiert und instandgehalten wurden, verkompliziert die Angelegenheit nicht unwesentlich. Jetzt sind wir dran, die beiden Kinder und der Ehemann.

Alles wie immer, einmal das volle Programm, so lautet die Küchenplanung für Heiligabend und den ersten Weihnachtsfeiertag. So einiges hatte sich allerdings in den letzten Jahren aufgrund des erhöhten Alters und der zunehmenden Demenz meiner Mutter schon mehr oder weniger verabschiedet: kein Stollen mehr, kein Quittenbrot, kein Adventskalender. Aber die großen Klassiker müssen schon sein, befinden wir Kinder: sprich Königinnenpastetchen am Heiligen Abend und ein Truthahn aus dem Römertopf am ersten Feiertag.

Wir suchen noch nach ein paar zusätzlichen Rezepten für Gebäck, alkoholische Getränke und Nachtische und mailen meinem Vater schließlich eine ausführliche Einkaufsliste (die er nicht einfach ausdruckt, sondern mit seiner kleinen Handschrift auf einen quadratischen Zettel überträgt). Im Gegenzug übernehme ich die Abholung des vorbestellten Geflügels aus biologischer Erzeugung (1 x Suppenhuhn, 1 x Puter) in der Stadt.

Eigentlich ein einfaches Projekt, wären da nicht widrige Umstände spätkapitalistischen Überflusses – zum einen der verunglückte Müllwagen auf der Wilhemstraße, zum anderen die deutschlandweite Störung im elektronischen Zahlungsverkehrs, die mich an der Kasse des Bio-Supermarkts erwischt. „Sie können eine Bonrückstellung machen und dann Bargeld holen gehen“, sagt die freundliche Filialleiterin. Ich nicke und reiche ihr die beiden Tiere in der schweren Papiertüte. „Oh“, sagt sie überrascht. „Ja“, antworte ich, „wäre schlecht, wenn wir das nicht hinbekommen.“ Letztendlich bekomme ich die Tiere ausgelöst und fahre hoch in die Eifel, wo ich meinen Vater beim Einkauf von ein paar vermeintlich letzten Sachen begleite und gegen seinen Willen (auch das eine alte Tradition) den Kauf eines Weihnachtsbaums durchsetze.

In der heiligen Früh fährt der Vater dann doch noch einmal ein paar allerletzte Sachen einkaufen und wir geben ihm noch ein paar zusätzliche Aufträge mit auf den Weg. Mittags wird es – wie immer – Hühnersuppe geben und ich bitte um ein Bund Frühlingszwiebeln. „Was?“, fragt mein Vater etwas ratlos. Eigentlich kann er ganz gut kochen, aber alles, was er nicht regelmäßig kauft, kommt im Einkaufsuniversum nicht vor. „Warte“, sagt meine Schwester, „ich zeige dir ein Bild.“ Er betrachtet das Google-Ergebnis eingehend und befindet, dass es keinen Unterschied zum Porree sehen kann.

Gegen Mittag kümmere ich mich um die Suppe. Und weil noch ein bisschen Zeit ist und weil ich’s einfach kann, beschließe ich, die Bouillon zu klären. „Was?“, sagt mein Vater, „das hat eure Mutter aber nie gemacht.“ Es gelingt mir aber, ihn durch eine geschickte Erklärung der biochemischen Prozesse auf meine Seite zu ziehen, auch wenn ich die Bedenken, dass mit den Schwebstoffen auch der Geschmack der Suppe entfernt werden könnte, nicht ganz ausräumen kann.

Wir decken den Tisch – mit dem einfachen, getöpferten Alltagsgeschirr aus Frankreich. „Weißt du was“, sage ich, „wir geben uns heute mal so richtig Mühe.“ In der Speisekammer finde ich eine große Suppenterrine und im Küchenschrank die dazugehörigen Suppenteller – Dekor Alt Straßburg von Villeroy & Boch. Und weil er zugeben muss, dass meine Mutter das Geschirr besonders mochte, kommt nur ein bisschen Gegenwehr. „Wir können doch den Kessel einfach auf den Tisch stellen“, sagt er zögerlich, als ich die Terrine vorwärme, „das tut es doch auch.“ Ich gebe nicht nach und als die geklärte Suppe mit einer Einlage aus Nudeln, Möhren, Hühnerfleisch und Eierstich in den Tellern ist, sind alle sichtlich zufrieden und sogar ich schaffe es, das reflexartige Würzen mit Maggi unkommentiert zu lassen. Das hätte meine Mutter nämlich auch so gemacht.