ethnografische notizen 249: erinnern und vergessen

30 Nov
Kesternich, Januar 1986

Kesternich, Januar 1986

Es gibt kaum Bilder von meiner Mutter beim Kochen. Einerseits nicht wirklich erstaunlich, denn bis zur Verbreitung von digitalen Kameras waren Fotos zu aufwändig und zu teuer, um so alltägliche Dinge, wie etwa die Zubereitung eines Mittagessens festzuhalten. Andererseits aber doch bemerkenswert, dass meine Mutter, die gerne gekocht und gebacken hat und dies als „Hausfrau“ ja beruflich tat, niemals dabei fotografiert wurde.

Jetzt ist sie tot und mit einem Mal ist der Prozess aus Erinnern und Vergessen ein anderer geworden. Es gibt noch ihr grünes Ringbuch in der Küche, in dem sie gut 40 Jahre lang Rezepte sammelte und es gibt noch die zehn Bände des Kochlexikons „Menü“, die gerne als Grundlage für neuerfundene Familientraditionen dienten. Die meisten unserer Standardgerichte sind vielleicht irgendwo dokumentiert, aber wir werden sie nicht mehr gemeinsam kochen, sie zusammen verzehren und anschließend darüber reden.

Gemüsepfanne mit Fleischwurst, Linsensuppe, Chinesisches Sauerkraut und Frau Antjes Kartoffel-Käse-Auflauf – alles keine aufregenden und innovativen Gerichte und doch Zeugnisse ihrer Zeit und, das wird mir jetzt erst klar, Zeugnisse des sozialen Netzwerks meiner Mutter. „Ich denke gerne zurück an unsere spontanen Einkaufstreffs und die darauf folgenden langen Gespräche“, schreibt eine Bekannte in die Trauerkarte und auf der Beerdigung denke ich plötzlich an ihr Rezept für Biskuitteig, als ich Ingrid die Hand schüttele, dann an den Nusskuchen von Gertrud, den Sauerkrauteintopf von Roswitha und die mit Thunfisch gefüllten Pfirsichhälften von Yvette oder Bernadette.

Die fortschreitende Demenz der letzten Jahre ließ die kulinarische Kompetenz meiner Mutter auf den Verzehr der nun von meinem Vater zubereiteten Mahlzeiten und gelegentliche Besuche in der einen oder anderen Gaststätte zusammenschmelzen. Und während ihre Erinnerungen immer weniger wurden und stets weiter in die Vergangenheit rückten, lag es an uns, den Kindern, an mir, dem Sohn, die kulinarischen Traditionen der Familie weiterzuführen: Im vergangenen Jahr war ich Weihnachten erstmals für die von ihr so geliebten mit Leberwurst gefüllten Klöße (Gefillde) zuständig.

Und auch wenn sie nicht mehr kochen konnte, ihren Appetit und ihr Lust zu essen, hatte sie nicht verloren. Im Oktober Wochen besuchten wir ein letztes Mal ihre saarländische Heimat, die sie mit der regionalen Vorliebe für Deftiges, Herzhaftes und Verwurstetes ein Leben lang prägte. Zwei schöne Tage verbrachten wir dort, größtenteils am Tisch, umgeben von ihren Nichten und deren Familien. Wieder zuhause setzte sich meine Mutter, etwas ungehalten, weil ihr die Fahrt zu lange gedauert hatte, direkt an den Küchentisch, um ein erstes Butterbrot gegen den Hunger zu essen. Als ich ein paar Minuten später gegenüber Platz nahm, hatte sie einen Großteil der Pfälzer Leberwurst mit dem Messer einfach aus der Plastikhülle gegessen. Vielleicht weil sie schlicht vergessen hatte, dass vor ihr eine Scheibe Brot auf dem Brettchen lag, vielleicht hatte sie aber auch einfach Lust auf Leberwurst.

Ich würde sie das gerne fragen.