ethnografische notizen 247: europa

26 Mai
Dessert im maiBeck Köln , April 2019

Dessert im maiBeck Köln , April 2019

Jede Woche treffe ich mich mit einem großen Europäer. Donnerstags zum Mittagessen, um genau zu sein.

Herr K. kommt immer mit dem Taxi zum Restaurant und weil er ein freundlicher Kunde ist, gilt es als Privileg, ihn fahren zu dürfen. Die Fahrerinnen und Fahrer sind darum auch immer wieder Thema bei unseren Tischgesprächen. Er erzählt von ihren Besuchen im Krankenhaus oder, dass sie einen Sender mit klassischer Musik einschalten, um ihm eine Freude zu machen. Vor einer Weile war Herr K. beim ersten Gang noch ganz beseelt von der Begegnung mit einem neuen Fahrer. Aus dem Iran sei der gewesen und habe von seinen Kindern erzählt und von den Plänen für ihre und seine Zukunft. „So ein feiner Mann“, sagte Herr K., „ich kann nicht verstehen, dass es Leute gibt, die diese Menschen nicht hier haben wollen.“

Für gewöhnlich sprechen wir im Restaurant viel über das Essen und zwischen den Gängen schauen wir aus dem Fenster Richtung Rhein, versuchen zu erraten, aus welchem Land die Touristinnen und Touristen kommen, die den Fähnchen ihrer Guides hinterherlaufen. „So viele alte Leute“, sagt Herr K. und lacht. Dann freuen wir uns um so mehr über die aufgedrehten Kinder im Pestalozzi-Brunnen und befinden, dass jetzt wirklich Frühling sei.

Herr K. und seine vor anderthalb Jahren verstorbene Frau hatten selber keine Kinder. Einer der Gründe vielleicht, warum sich das Paar nahezu ihr gesamtes gemeinsames Leben dem guten Essen widmete. Die kulinarische Leidenschaft der beiden begann im Paris der 1960er Jahre. Als man auf einem gemeinsamen Ausflug mit den Schwiegereltern den Restauranttipp einer Kollegin falsch verstand, zufällig in der Spitzengastronomie landete und versehentlich Kalbsniere bestellte. Danach war es um die K.s geschehen, fortan wurde der Urlaub um die zu besuchenden Restaurants geplant und einzelne, für gut befundene, Lokale mehr als 200 (!) mal besucht.

Foodies avant la lettre und doch waren/sind die Ks weitaus mehr als Sterne-Groupies. Eine tiefe Freundschaft verband sie etwa mit Roland Bado und seiner Familie, die im La Poêle d’Or als inoffizielle kulinarische Botschafter den Kölnerinnen und Kölnern die französische Küche näherbrachten. Aber auch zu Sissy Sonnleitner in Österreich oder Vincent Klink und Josef Bauer in Deutschland bestand eine Beziehung, die weit über das übliche Verhältnis zwischen Küche und Gast hinausging. Seit dem Tod seiner Frau ist das maiBeck seine neue Heimat geworden. Nicht nur im kulinarischen Sinne, sondern auch, weil sich das gesamte Team fürsorglich um ihn bemüht, kleine Erledigungen tätigt, darauf achtet, dass er auch zuhause gut versorgt ist und sich bei Bedarf zu ihm an den Tisch setzt, um zuzuhören.

Aber zurück zu Europa. Herr K., mein Lunchdate, wurde 1936 in Stargard, Pommern, im heutigen Polen, geboren. In den Wirren des zweiten Weltkriegs zog die Familie erst nach Westpreußen, um nach 1945 aus der SBZ zu fliehen. Zunächst wohnt man mit anderen Familien in einem Klassenzimmer in Weiden in der Oberpfalz („Da wollte uns niemand haben!“) und findet schließlich in Verden an der Aller in Niedersachsen ein Zuhause. Das Studium brachte ihn nach Kiel, Hamburg und Heidelberg nach Köln, seine ursprünglich aus Dresden stammende Frau ließ ihn hierbleiben.

Über Politik sprechen wir nur selten. Vielleicht weil wir voneinander wissen, dass die Meinung des Anderen nicht wirklich weit von der eigenen entfernt liegt. Aber auch, weil Herr K. zu der Generation gehört, die man nicht direkt zu ihren politischen Überzeugungen befragen kann. Und trotzdem bin ich mir sicher, dass Herr K. bei den vielen Wahlen seines Lebens nicht den Wohlstand wählte, wie es die plumpen Plakate der CDU derzeit vorschlagen. Herr K. wählte – welche Partei auch immer bei all den Wahlen durch die Jahrzehnte seine Stimme bekam – die Vielfalt. Regelmäßig unterhalten wir uns über Kunst. Dass die Gotik nach wie vor die spannendste Epoche für mich sei, sage ich dann. Herr K. schüttelt den Kopf. „Die Renaissance“, sagt er, „das ist es doch.“ Danach folgt zumeist ein längerer Vortrag über die vielen Reisen nach Italien.

Und jetzt, während ich diesen Text schreibe, anlässlich der Europawahlen, verstehe ich, was er damit meint – die Renaissance als Wiedergeburt der Antike, die Wiederentdeckung des Menschen und des Menschlichen. Den Zusammenbruch, den er und seine Familie selbst erleben mussten und den Wiederanfang den sie schließlich weit weg von der Heimat wagten. Nach Pommern ist er übrigens nie zurückgekehrt. Im Gegensatz zu seinen beiden Schwestern. „Das ist nicht mehr mein zuhause“, sagt er, wenn es darum geht, „Köln ist jetzt meine Heimat.“

„Gehst du am Sonntag wählen?“, frage ich ihn bei unserem letzten Treffen, als er gerade ins Taxi einsteigt. Für einen Moment schaut er mich prüfend an. „Natürlich“, sagt er, das ist doch meine Pflicht.“