ethnografische notizen 241: liège

12 Mrz

Ein Sonntag in Lüttich, oder vom Glück, Freunde in Belgien zu haben

„Wir essen heute Mittag in der Stadt“, sagt J. bei unserer Ankunft, „und später dann noch einmal zuhause.“ Das ist normal, denn schließlich sind wir ja in der Wallonie, wo jede Mahlzeit als sozialer Akt von Bedeutung begriffen wird und außerdem waren wir schon lange nicht mehr zu Besuch. „Dazwischen schauen wir uns eine Ausstellung an.“ Nach dem Kaffee spazieren wir los, die steile Rue pierreuse hinunter, über die Place du Marché bis runter zur La Batte, dem großen Wochenmarkt. „Neu“, denke ich, während wir durch die Neuvice laufen, „auch neu. Ebenfalls neu.“ Es hat sich eine Menge getan seid unserem letzten Besuch. Es gibt einen verpackungsfreier Lebensmittelladen namens l’Entre-Pot, einen anderen für lokal produziertes Obst und Gemüse (Les petits producteurs) und eine Handvoll hipper Cafés und Restaurants.

Al Limone - Épicerie fine du Piémont, Liège 03/2018

Al Limone – Épicerie fine du Piémont, Liège 03/2018

Unser Ziel aber ist „Al Limone“, ein Laden mit Produkten aus dem Piemont in der Rue de la Cathédrale. An einer Ecke liegt das Lokal mit den vielen kleinen Regalen aus hellem Holz, aus denen Lebensmittel (zumeist in Bio-Qualität) aus dem Nordwesten Italiens verkauft werden. Grissini aus Hafer mit Thymian etwa, Haselnussöl oder Amaretti de Cunéo. In der Mitte eine Theke mit diversen Würsten und Käse und zu den bodentiefen Fenstern hin eine lange Tafel mit einfachen Holzstühlen. Der Chef räumt ein paar Bücher zur Seite und bringt uns Karaffen mit Wasser. Ob wir Zeit hätten, fragt er, noch sei er alleine und müsse zwischendurch auch die regulären Kunden bedienen. Wir bejahen, starten mit einer Flasche Roero Arneis und schauen hinaus.

François Gonda, Al Limone, Liège 03/2018

François Gonda, Al Limone, Liège 03/2018

Bis vor einigen Jahren war hier noch dichtes Rotlichtmilieu. Angeblich gab es hier die billigsten Huren und ich erinnere mich, dass P. und ich uns beim ersten eigenständigen Besuch der Stadt vor mehr als 20 Jahren genau in diese Straße nicht hineingetraut haben. Jetzt kann man nur noch Reste dieser Vergangenheit erahnen, ein Schild einer Videothek etwa oder der Eingang einer längst geschlossenen Peep-Show. Der Wirt bringt uns die Assiettes dégustation mixte choix de charcuterie et fromages. Wir beugen uns über die großen Platten mit Coppa, Porchetta cuite und Salami mit und ohne Barolo oder Trüffel und warten ein wenig ungeduldig, dass er mit den Tellern kommt. Neben Charcuterie gibt es diverse Käsesorten – etwa einen fast cremigen Toma Piemontese –, Grau- und Weißbrot und eingelegtes Gemüse. Dazu eine Flasche Barbera d’Alba.

Coppa, Liège 03/2018

Coppa, Liège 03/2018

Lange galt Lüttich im benachbarten Ausland vor allem als dreckig, bankrott und gefährlich. In der Zwischenzeit ist viel passiert und es sind Läden wie das Al Limone, die einen Besuch wert sind. Nachdem die Teller geleert sind, machen wir zufrieden mit einer Flasche Nebbiolo weiter, schließlich waren wir ja schon lange nicht mehr zu Besuch.

Al Limone

Épicerie fine du Piémont

Rue du Palais 6, 4000 Liège

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