ethnografische notizen 240: wien 1/5

27 Dez

Es ist überall voll. Das Café Prückel betreten wir von der falschen Seite und stellen – bereits halbwegs in der Mitte des riesigen Etablissements befindlich – fest, dass sich auf der anderen Seite schon diverse Herrschaften in dicken Wintermänteln aufgereiht haben, um platziert zu werden. Zurück auf der Straße schlage ich den Mitreisenden vor, schnell schon einen Tisch für das Abendessen im gegenüberliegenden Traditionsrestaurant Plachutta zu reservieren. Während die anderen draußen warten, betrete ich das Lokal. Ein vorbeieilender Kellner hält freundlicherweise kurz inne und geht mit mir mögliche Zeitfenster durch. Heute und morgen erst nach 21.30 Uhr, Dienstagabend ginge auch etwas früher. Unter der Woche könnte es mittags auch mal ohne Reservierung klappen, sagt er. „Dann versuchen wir das doch mal“, sage ich unbestimmt. „Das würde uns sehr freuen“, sagt der Mann und fügt nochmals entschuldigend hinzu: „Es ist halt Weihnachtszeit!“

„Jene Süße des Lebens, die Talleyrand nach dem Hingang des Ancien régime beweinen sollte, hier, in der imperialen Stadt, lag sie als Zuckerguß auf allen Dingen, durchdrang die Luft und glasierte gleichsam den Tag“, schreibt die österreichische Schriftstellerin Hilde Spiel 1962 in ihrem Roman „Fanny von Arnstein oder Die Emanzipation“ über die gleichnamige Wiener Gesellschaftsdame im ausgehenden 18. Jahrhundert. „So übertrieben die Genußsucht, so seicht die Vergnügungen der Wiener anmuten mußten, wer länger unter ihnen weilt, den riß ihr Hang zu den irdischen Freuden mit.“

Gasthaus Huth, Wien – 12/2017

Gasthaus Huth, Wien – 12/2017

Daran scheint sich auch 2017 nicht viel geändert zu haben. Voll ist es zwar auch zuhause, aber hier kommt noch etwas hinzu: der Hang der Einheimischen zu den irdischen Freuden geht einher mit einem sehr beharrlichen Festhalten an Traditionen, einer Lust an komplizierten Ritualen und einer gewissen Skepsis gegenüber kulinarischer Innovation. Kurz: Eine ganze Stadt tut so, als wären die letzten 100 Jahre nicht passiert. Das zeigt sich ganz besonders in den kulinarischen Konventionen und Gepflogenheiten, von denen ich einige wenige in den kommenden vier Beiträgen schildern werde.

 

Hilde Spiel, Fanny von Arnstein oder Die Emanzipation, 1962
zitiert nach: Christine Hehle (Hrsg.), Wien literarisch, Berlin 2012

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