ethnografische notizen 233: france 2017/06

16 Jun
Kouign Amann, Morlaix, Juni 2017

Kouign Amann, Morlaix, Juni 2017

Man kann ja nicht ständig im Restaurant sitzen, weil wir aber dennoch ein bisschen Appetit haben, beschließen wir uns vor dem Aufstieg auf den Eisenbahn-Viadukt von Morlaix (der Partnerstadt von Würselen) ein bisschen Kuchen in einer der örtlichen Pattisserien zu kaufen. Die Auslagen der ersten Konditorei gefallen uns gut, aber wir sind zu erfahren, um direkt die erstbesten Waren zu kaufen. Die Patisserie Martin aber, ein paar Meter weiter, hat zwar definitiv den schöneren Laden, die Torten erinnern mich dann aber doch zu sehr an deutsche Wirtschaftswunder-Sahneschnitten – und die konnte ich noch nie besonders leiden. Nicht im In- und auch nicht im Ausland. Also doch zurück zu Traon.

P., als ehemaliger Konditor mit einem besonderen Gespür für Gebäck ausgestattet, berät mit der Verkäuferin über die korrekte Auswahl eines halben Dutzend Macarons, danach lässt er sich ein Stück Croûte à thé einpacken und dann bin ich an der Reihe. Als Kind aus dem Volk interessieren mich hingegen vor allem die Blechkuchen und während ich noch zwischen den verschiedenen Varianten von Far Breton und Kouign Amann abwäge, tauschen die beiden schon Blicke aus. Letztendlich entscheide ich mich für ein Stück des letzteren, nicht zuletzt weil miich ein liebevoll gestaltetes Schild darauf hinweist, dass diese Spezialität des Hauses vom Guide Michelin empfohlen sei. Was die Aussprache ihres Names – auch nach deutlicher Wiederholung durch die Verkäuferin – nicht wirklich leichter macht.

Wir steigen die steile Venelle de la Roche hinauf bis auf das erste Plateau der Eisenbahnbrücke und verzehren den mitgebrachten Kuchen mit Blick auf die Stadt. „Das Leben kann ungerecht sein“, sage ich und wickele mein Stück aus dem weißen Papier, „stell dir vor, du bist Schüler von hier und musst zum Schüleraustausch nach Würselen.“ „Ich bestäube die Stadt“, sagt P. und bläst den Puderzucker von seinem eher unspektakulären Rührkuchen ins Tal (das „thé“ im „Croûte à thé“ bezieht sich übrigens auf das dazugehörige Getränk, wie ich durch investigative Netzrecherche und den Vergleich diverser Rezepte herausfinde). Mein Kouign Amann hingegen ist umwerfend lecker und die Schichtung aus Teig, Zucker und gesalzener Butter genau der richtige Proviant für einen Aufstieg auf 58 Meter.

Später, wieder unten im Tal, kaufe ich eine Postkarte mit dem folgenden Rezept: „sucre+beurre=et voilà!“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

PÂTISSERIE TRAON | Morlaix

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