soulfood düren – #007

1 Dez

laktosefrei, glutenfrei und vegetarisch/vegan

In einer Drogeriefiliale im StadtCenter begebe ich mich in die Lebensmittelabteilung. Hinter mir stehen Frauen mit Kinderwagen an den Foto-Bildschirmen und sortierten ihre Schnappschüsse. Vor mir ein Regal mit den glutenfreien Produkten eines Anbieters aus Südtirol. Butterkekse, Ciabatta und Salzbrezeln in einer gelben Verpackung. Saisonware wie Spekulatius und Lebkuchen sind in rot gehalten, damit man sie besser erkennen kann. Im Regal gegenüber gibt es diverse Alternativen für laktoseintolerante Menschen, Mandelmilch, Reisdrink in Natur und Calcium und laktosefreie H-Alpenmilch. Eins weiter wird der vegane Trend mit der Marke Veganz aufgegriffen. Laut Website „ein vielfältiges und köstliches Sortiment rein pflanzlicher Produkte. Yummie!“ In der Auslage befinden sich unter anderem Kokosblütenzucker, Chiasamen und Matcha Mix Vanille.

Die Versorgung mit Lebensmitteln bei Unverträglichkeiten und Intoleranzen scheint also hier wie in jeder anderen deutschen Stadt gesichert. Aber das kann ja nicht alles sein, man will ja nicht unbedingt bei DM Kaffee trinken, Brot kaufen oder Essen gehen. Daher mache ich mich einen Nachmittag lang auf die Suche nach den besonderen Orten für Menschen mit besonderen Bedürfnissen.

 

laktosefrei – Angie’s Mocca

Angie’s Mocca, Düren, November 2016

Angie’s Mocca, Düren, November 2016

Als ich in der Kreuzstraße ankomme, telefoniert Mustafa gerade.  „Ich komme gleich zu Ihnen“, sagt er und geht vor die Türe, um das Gespräch fortzusetzen. Ich sehe mich derweil ein wenig um. Hübsch ist es hier, geradezu hipp. Niedrige Sessel in cognacfarbenem Leder mit Patina und Hocker aus poliertem Edelstahl. Dunkle, fast schwarze Wandfarbe, dunkles Holz, überhaupt viel Holz. Draußen ein paar pastellfarbene Tische – für die Kälteunempfindlichen und/oder die Raucher. Ein bisschen Nippes auf der Theke und auf der Fensterbank. Ein Buch mit Blumenzeichnungen und dem bezeichnenden Titel „Die Harmonie der Welt“. Im goldenen Kühlschrank eine bereits angeschnittene Schwarzwälderkirschtorte und ein paar liebevoll hausgemachte Cupcakes. Ich werfe einen Blick in die Karte und freue mich über die türkischen Einträge wie Sandwich mit Sucuk oder Poğaça.

„Entschuldigung“, sagt Mustafa, als er wieder reinkommt, „war gerade ein bisschen stressig.“ Ich reiche ihm die Hand. „Wir hatten auf Facebook geschrieben.“ „Ah ja, genau. Was möchtest du trinken?“ Ich folge ihm an die Theke. „Ich habe hier ein gutes Tagesgeschäft“, sagt er, während er meinen doppelten Espresso zubereitet, „Schüler, die Leute aus dem Ärztezentrum und die anderen, die hier arbeiten. Wenn die erst in die City gehen, ist die Pause ja schon wieder vorbei.“

Bis vor kurzem war Mustafa Autohändler, viel unterwegs, Stuttgart, München, immer überall Autos abholen. Dann erzählt ihm eine Freundin, dass sie mit ihrer Änderungsschneiderei umziehen wird und er hat eine Idee. „Ich komme von hier“, sagt er, „ich wohne 20 Jahre hier auf der Straße. Ich wollte einfach was für die Straße machen.“ Im Juni 2016 eröffnet er Angie’s Mocca, benannt nach dem wohl sanftmütigsten Pitbull der Stadt. Unterstützt von seiner Mama, die Köchin ist, und den Laden jeden Tag mit Suppe, Gebäck und Kuchen versorgt.

Fast wie bestellt betritt eine Schülerin den Laden. „Ist noch was von der Suppe da?“, fragt sie. „Klar“, antwortet Mustafa, „ich mach es dir nochmal warm.“ Das Mädchen nimmt an einem der Tische Platz und beginnt in einem dicken Buch zu lesen.

„Früher habe ich ein paar Autos für nen Tausender verkauft. Heute mache ich in der Zeit drei Kaffee“, sagt er und sieht dabei ziemlich zufrieden aus. Aber stillstehen kann und will er nicht. Ein neues Lokal in der Innenstadt hat er schon im Auge. Er zeigt mir ein Foto auf dem Handy. „Wandfarbe dunkel wie hier, dann aber MOCCA auf der Wand aus so Kupferrohren und Glühbirnen.“

Seine Kaffeekurse hat er bei Schamong gemacht, der ältesten Kaffeerösterei Kölns. „Ich hatte vorher nix mit Cafés zu tun, nichts, null, nothing.“ Die Bohnen sind eine eigene Röstung. „Sonst müsste ich ja immer nach Köln fahren“, sagt er. „So geht Regionalität“, denke ich zufrieden.

Ich erkläre Mustafa, dass ich nach laktosefreien, veganen und glutenfreien Möglichkeiten suche. „Kein Problem“, sagt er, „ich habe laktosefreie und Sojamilch. Wird ziemlich häufig gefragt. Anderswo kostet das 50 Cent mehr. Ich verlange aber keinen Aufpreis. Glutenfrei habe ich auch. Da backe ich mit Maisgrieß, Mascarpone und Rosenwasser. Also … die Mama backt.“

Angie’s Mocca / Kreuzstraße 8

 

glutenfrei – Reformhaus Bacher

„Liebe S., hast du mal einen Tipp für glutenfreies Brot in Düren?“, schreibe ich per SMS. „Guten Morgen,“ kommt die Antwort, „in Düren gibt es nur abgepacktes GF-Brot. Ich persönlich kaufe immer das VITAL von Schär. Gibt es u.a. im Reformhaus in der Wirtelstr. Ich hoffe, das hilft dir weiter.“

Im Reformhaus gibt es, ganz hintendurch, ein Regal mit glutenfreien Produkten von mindestens drei Lieferanten. Darunter auch abgepackte Waren der Firma Poensgen aus Eschweiler, 17,2 Kilometer von hier entfernt. Die meisten geläufigen Backwaren kann man hier bekommen. Brötchen, Rosinenstuten und Knäckebrot. Vorne, hinter der Kasse gibt es ein Regal mit frischem Brot. „Nur aus Interesse“, sage ich zu der jungen Verkäuferin, „haben Sie eigentlich auch frisches glutenfreies Brot?“ „Also das ist so“, erklärt mir ihre freundliche Kollegin, auf deren Namensschild „Teamleiterin“ vermerkt steht „es gibt das von der Firma Poensgen. Also das ist auch verpackt, aber eben frisch. Das haben wir mal mit ein paar Broten probiert. Das ist aber nicht so lange haltbar und wir haben die Hälfte dann wegwerfen müssen. Das kann es ja auch nicht sein.“ Da stimme ich zu. „Und das andere“, sie zeigt in Richtung des Regals im hinteren Bereich, „ist ja auch frisch. Nur eben vakuumverpackt.“

Reformhaus Bacher / Kölnstraße 7

 

vegetarisch/vegan – Restaurant Amma

Restaurant Amma, Düren, November 2016

Restaurant Amma, Düren, November 2016

Im Restaurant in der Neuen Jülicher Straße spült eine junge Frau Gläser und sortiert sie in das Regal über der Theke. Sie trägt einen Wollpullover auf dem vorne ein Tiger eingestrickt ist, Ohrringe und ein Bindi auf der Stirn.

„Haben Sie es gut finden können“, fragt sie, als ich das Lokal betrete. Ich nicke und richte mich an einem der Tische am Fenster ein. Sie reicht mir die Speisekarte. „Wollen Sie schon etwas trinken?“ Während ich gucke betreten drei Jungs den Raum und bestellen eine Portion Ulunthu Vadai, kleine gebackene Kuchen aus Urdbohnen mit Zwiebeln. Einer von ihnen scheint Tamile oder Inder zu sein. Während sie an einem der Tische warten albern sie herum und gucken die Musikvideos auf dem Fernseher über der Eingangstüre.

Ich mache es wie sie und bestelle ebenfalls die frittierten Bohnen und dann die Nummer 12, Parotta Roti – Tamilisches Fladenbrot dazu Sambal (Chutney aus frischen Kokosraspeln und Chili) und Sambar aus Straucherbsen. Die drei bekommen eine kleine, bedruckte Papiertüte und ziehen weiter.

„Mein Papa meint, dass sie besser die 21 nehmen“, sagt die junge Frau, die Thiviya heißt und die Schwester des Eigentümers ist, „weil sie dann verschiedene Currys probieren können.“ Ich schaue in der Karte nach: Reis Menü vegetarisch, Basmati Reis, dazu vier verschiedene frische vegetarische Curry und Papadam. „Einverstanden“, sage ich, „aber das tamilische Fladenbrot würde mich trotzdem interessieren.“

Während ich auf das Essen warte, unterhalte ich mich zunächst mit Thiviya und später auch mit ihrem Bruder. Seit März gibt es das Restaurant, das gewissermaßen aus dem tamilischen Lebensmittelgeschäft schräg gegenüber heraus gegründet wurde. „Amma“ bedeutet übrigens „Mama“ und die tamilische Bezeichnung draußen auf dem Schaufenster „Mamas Ort zum Essen“. Die Mutter, so erfahre ich, komme allerdings erst später. Jetzt sei der Vater noch allein in der Küche.

In der Reflektion des Schaufensters betrachte ich die großen Fotografien von Sonnenuntergängen, Elefanten und Teeplantagen. Da ich nur wenig über tamilische Küche und noch weniger über Sri Lanka im Allgemeinen weiß, lese ich nach der Vorspeise ein wenig auf Wikipedia.

„Gegessen wird mit den Händen?“, frage ich, als der Hauptgang kommt. „Wollen Sie es wagen?“, antwortet sie und bringt mir eine Metallschüssel mit warmen Wasser und ein paar Limettenscheiben an den Tisch. Nur mit der rechten Hand und nur mit den Fingerspitzen. Soße und Reis mischen. Das klingt einfacher als es ist, zumal unter Beobachtung, macht aber nach ein paar Minuten Übung richtig Spaß. Ich schmecke nicht nur die Currys mit Aubergine, Drumstick-Gemüse, Linsen und Spinat, sondern ich fühle sie auch. Angenehm scharf ist das Essen, ganz unterschiedlich gewürzt und vor allem vegetarisch.

„Noch Platz für ein bisschen Nachtisch?“, werde ich gefragt. „Aber nur ein ganz kleines bisschen“, sage ich. „Meine Mutter ist jetzt da“, sagt Thyvia, „die macht den Nachtisch.“ Draußen fährt ein Bus mit der Aufschrift „Kaiserplatz ZOB“ vorbei und erinnert mich daran, dass ich mich im November und im Rheinland befinde.

Restaurant Amma / Neue Jülicher Str. 17

 

Im Projekt „Soulfood Düren“ mache ich mich auf die Suche nach der kulinarische Seele der Stadt. Erste Ergebnisse gibt’s am kommenden Freitag in einer Talkshow. Mit interessanten Gästen spreche ich über Lieblingsessen und -orte.

Hier das Erklärvideo zur Veranstaltung.

Soulfood Düren I

2.12.2016, 19.00 Uhr Betriebsrestaurant der Sparkasse, Wilhelmstr. 38

Karten (15 Euro, inkl. Verköstigung) beim iPunkt, Markt 6

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