soulfood düren – #002

10 Okt

Düren. Ich mache mich auf die Suche nach den kulinarischen Vorlieben, Erinnerungen und Gewohnheiten dieser Stadt mit deutschem Durchschnitt. Zwischen Köln und Aachen, zwischen hier und da. Ungeliebte Stadt, weggebombt und Annakirmes, Underdog, Papier. Reden wir drüber, denn sprechen über Essen und Trinken heißt sprechen über das Leben, die Liebe und die Stadt …

Restaurant Mongol Hann, Düren, Oktober 2016

Restaurant Mongol Hann, Düren, Oktober 2016

Mongol Hann

„Ich mach heute in Düren Mittagspause. Gib mir mal den goldenen Tipp!“, schreibe ich einer Freundin, die im Dürener Grüngürtel aufgewachsen ist. „Wie aufregend! Meine Mutter geht immer zu Mongol Hann, dem AYCE Mongolen“, schreibt sie zurück.

„Was bedeutet AYCE?“

„All you can eat J“

„Verstehe, ich dachte schon, das wäre was Türkisches.“

Vom Termin aus gehe ich einmal um das Stadthaus herum. Trübes Wetter, Männer mit unklaren Absichten stehen am Durchgang zum Parkhaus. Ein Zug donnert über die Bahnüberführung. Der Bushof ist fast leer. „Fürs Kümmern“, steht auf einem Werbeplakat, der letzte Buchstabe wird aus drei Schokoladenriegeln geformt. „Danke heißt Merci.“ Auf dem Bürgersteig ein gelber Kundenstopper mit der Aufschrift „Geldtransfer HIER verfügbar.“

Als ich das Restaurant betrete, dudelt „What a Wonderful World“ in einer Instrumentalversion mit Saxophon und ich fühle mich an Liebeszenen in Familienfilmen aus den 1980ern erinnert. Eine ältere Frau fährt langsam aber zielsicher mit ihrem Rollator Richtung Buffet. Am Tisch warten ihr Mann und ihre Tochter, die schon mal die Buffet-Landschaft für € 7,90 pro Person erkundet haben. In der Ecke zu meiner rechten sitzt eine weitere ältere Dame. Ein junger Kellner mit Man-Bun bringt einen grünen Plastiknapf mit Wasser. „Guck mal Lily“, sagt die Frau zu ihrem Hund, „jetzt kriegst du was.“ Das Hündchen freut sich. „Feines Hündchen“, sagt der Kellner und geht in die Hocke um das Tier zu streicheln. „Ganz weiches Fell hat sie. Ist sie frisch gebadet?“ Der junge Mann geht zurück an seine Arbeit. Seine sehr schlanke Kollegin faltet Servietten. Vor mir auf dem Tisch steht ein Aufsteller mit der Aufschrift „Gerolsteiner. So gut kann Limonade sein.“ Darüber eine eher schlichte Lampe mit einem geschnitzten Medaillon, das zwei sich umkreisende Karpfen zeigt. Das klassische China-Restaurant-Aquarium ist einem offenen halbhohen Becken gewichen. Ob Fische drin schwimmen, kann ich von meinem Platz aus nicht erkennen. Ansonsten wenig Asia-Kitsch, eher dezent Zen-inspiriertes Ambiente. Raumtrenner mit dicken grüngestrichenen Bambusrohren und ein offenes Regal, in dem ein beeindruckend großer China-Kohl aus Porzellan ausgestellt ist, den ich irgendwie bizzar-schön finde. Die Frau mit dem Rollator kommt vom Buffet zurück. Neben diversen mongolisch-chinesischen Spezialitäten hat sie auch Kroketten auf dem Teller. „Majo is hier“, sagt ihre Tochter.

Weil noch niemand kommt, um mich zu fragen, was ich trinken möchte, laufe ich einmal quer durchs Lokal, vorbei an den drei Buffet-Inseln, in deren Mitte sich jeweils ein künstlicher, blühender Kirschbaum befindet. Vor dem WC, am anderen Ende des Gebäudes befindet sich ein durch große Fenster einsehbares Spielzimmer, mit ein wenig buntem Plastik, zwei elektronischen Orgeln im Standby-Modus und einem ausgedruckten Warnhinweis für die Eltern. Ich nehme mir einen Teller und begutachte die Speisen in den dampfenden Edelstahlbehältern. Tibet-Bohnen, Schweinefleisch mit Chacha-Soße und Rindfleisch Shanghai-Art. Im Hintergrund rasselt Besteck, das aus der Spülmaschine sortiert wird. „Lecker“, denke ich nach dem ersten Teller, „um Längen besser, als ich das hier erwartet hätte.“ Ich frage mich, ob es sich wohl schickt, noch einmal mit dem selben Teller nachzufassen oder ob ich wohl warten muss, bis eine der emsigen Servicekräfte meine Teller abgeräumt hat. Nach kurzer Überlegung ziehe ich im Sinne der ökologischen Nachhaltigkeit mit dem gebrauchten Teller wieder los. Die zwei weißhaarige Damen am Buffet neben mir sprechen Polnisch, während die Kellnerin sich auf Chinesisch mit ihrem Kollegen unterhält. Sie kommt an meinen Tisch. „Sie haben noch nichts bestellt?“ Ich entscheide mich für einen Jasmintee. Eine andere Servicekraft bringt meine Bestellung. „Lassen Sie ihn ruhig noch eine Minute ziehen, dann ist er nicht so heiß und der Geschmack kommt noch besser raus.“ Ihre Gelassenheit und Freundlichkeit steht im angenehmen Kontrast zum rauen Bushof-Feeling draußen vor der Türe. Die erste Kellnerin nimmt meinen Teller mit. „Hat Ihnen das Essen geschmeckt?“, fragt sie. Die Musik wechselt zu einer Panflöten-Version von „Blue Bayou“. „Schmusemusik“, denke ich, „Schmusemusik ist der richtige Ausdruck.“

Ein jüngerer Mann, vielleicht der Geschäftsführer, begrüßt den Tisch mit dem Rollator. „So alt sind sie noch gar nicht, so lange kommen wir schon“, sagt die Tochter. Der Mann schaut in ein schwarzes Buch. „Heiligabend, es bleibt bei drei“, sagt die Tochter zu ihm, „wenn die nachkommen will, kann die das ja machen“, zu ihren Eltern. Der Mann nickt. „Silvester um 19.00 Uhr.“ „Bleiben Sie gesund“, sagt der Mann, als er wieder zurück an die Arbeit geht. „Du auch“, sagt die Frau.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: