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7 Apr

Warum Kas|sen|zet|tel? Hier!

Netto im Westend, Berlin 2016

Netto im Westend, Berlin 2016

Netto war früher Plus. Wir erinnern uns – der mit den lustigen kleinen Preisen. Der Nachfolger hier im Westen verzichtete ja leider auf die Maskottchen. Im Nordosten der Republik hingegen gibt es noch einen anderen Netto: die Discounter-Linie einer dänischen Handelskette. Deren Logo zeigt ein Hund, einen Scottish Terrier, um genau zu sein, der ein kleines Körbchen im Maul hat. Dieser dänische Netto befindet sich schon lange auf meiner Liste. Zum einen weil ich mir das ambitionierte Ziel gesetzt habe, mit diesem Projekt 50 Supermärkte zu besuchen, zum anderen weil ich mich aus Berliner Zeiten noch an das ungewöhnliche Sortiment erinnern kann.

Auf der Netto-Handy-App suche ich nach einer geeignete Filiale und weil ich noch nie im Westend war, fahre ich ins Westend. Zunächst einmal allerdings versehentlich mit der S-Bahn in die falsche Richtung, dann aber bis zum gleichnamigen Zielbahnhof. „Bf Westend“ lese ich auf dem Schild auf dem Bahnsteig, einen Richtungshinweis für die Agentur für Arbeit und den Hinweis, dass Möbel Flamme einen verkaufsoffenen Sonntag durchführt. Auf einem Bretterzaun werde ich per Spraydose darauf hingewiesen, dass ich mich in der Antifa-Area befinde. Links Königin-Elisabeth-Str., rechts Sophie-Charlottenstraße. An der Ampel wartet ein weißer Lastwagen der Berliner Tafel. Eine alte Autowerkstatt mit dem schönen Titel „Großgaragen des Westens“ und eine altmodische beigefarbene Taxissäule. Das alles riecht nach Berlin in seiner gediegensten Form. Auf dem Parkplatz mit einem ziemlich zugemüllten Unterstand für die Einkaufswagen riecht es hingegen eher nach dem Asia-Imbiss, der in der Ecke neben dem Eingang untergebracht ist. Davor sitzt eine Bettlerin und hält mir die offene Hand entgegen.

Einkaufsliste im Netto, Berlin 2016

Einkaufsliste im Netto, Berlin 2016

Das Sortiment des Discounters ist – neben dem überall gleichen Standard – eine Mischung aus kuriosem Krimskrams und sentimentalen Ostprodukten. Lesebrillen im 3er-Pack und Märkische Gurken in Eimern, Fotoalben für die Silberhochzeit neben Wurst-Soljanka, Harzer Gehacktem vom Schwein und pikantem Lungenhaschee. Ein junger Mann mit Rucksack und Iro kauft sich Milchreis für die Mittagspause. Eine alte Frau schiebt den Einkaufswagen durch den Laden und bespricht mit ihrer Tochter die Preise. „Ich komm rum, wegen dem Beutel einhängen“, sagt die noch junge Verkäuferin zu einer Frau im Rollstuhl, verlässt den Kassenstand und befestigt die Einkaufstasche am Rollstuhl. Ich bücke mich und hebe eine mit einer Büroklammer versehene Einkaufsliste auf.

  • Bier
  • Milch
  • Kirschen
  • Wurst f. Porree
  • Schusterjungen 4
  • Speck
  • Samen

In jedem Fall ein sehr berlinerischer Zettel, zumindest habe ich sofort Assoziationen im Kopf, die sich irgendwo zwischen Zille und Kitty Kahanes schönem Berlin-Kochbuch bewegen. Ich denke Kindl-Bier, Milch von Bolle und Knupperkirschen aus Brandenburg. Wurst für Porree und Speck würden auch wunderbar zu einer handfesten Mahlzeit an einem Tisch mit Wachstuch passen. Vielleicht sogar schon draußen, in der Dauergartenkolonie. Und gehen wir mal davon aus, dass es sich bei den Samen um die Stangenbohnen für selbigen Schrebergarten handelt und nicht um den derzeit unvermeidlichen Chia-Hype. „Da lässt sich doch was draus machen“, denke ich und lasse meine Gedanken weiter durch Deutschland wandern. Brot, Milch, Kirschen …. Südwestdeutschland …. Ofenschlupfer. Die Kirschen fliegen aber wieder raus, obwohl sich durchaus auch Inspirationen zu herzhaften Aufläufen mit Fruchtzugabe finden lassen. Aber es ist nicht Saison und tiefgefrorene würden mir im Ofen zu matschig. Weil aber gerade noch Rote Bete-Zeit ist, bauen wir uns unsere Kirschen einfach selber. Dazu ein schönes dunkles Bier.

Roggenbrötchen, Porree, Wurst, Kirschen

Roggenbrötchen, Porree, Wurst, Kirschen

Ofenschlupfer mit Wurst und Porree

  • 1 Stange Porree
  • 3 Wiener Würstchen
  • 200 g rote Bete
  • 2 Roggenbrötchen
  • 2 Eier
  • 200 ml Milch
  • Muskatnuss
  • Pfeffer und Salz

Den Ofen auf 180 Grad vorheizen. Den Porree waschen und das helle Ende in ca. 1 cm dicke Scheiben, den dunkelgrünen Teil in feine Streifen schneiden. Die Würstchen ebenfalls in Scheiben schneiden. Mit einem Parisiènne-Messer Kugeln (Kirschen!) aus der rote Bete herausformen. Die Brötchen in ca. 2 cm große Würfel schneiden. Die Eier trennen und den Dotter mit der Milch, Salz, Pfeffer und Muskat verrühren. Das Eiweiß steif schlagen. Brot, Wurst und Porrescheiben und Rote Bete in eine feuerfeste Form schichten, dabei pfeffern und salzen. Mit dem feingeschnittenen Porree-Grün abschließen. Das Eiweiß unter die Milch-Eigelb-Mischung heben und auf die Zutaten in der Form geben. Im Ofen mit einem Backpapier zugedeckt 30 Minuten garen, Abdeckung entfernen und weitere 30 Minuten backen, bis der Auflauf eine braune Kruste hat.

Ofenschlupfer mit Wurst und Porree

Ofenschlupfer mit Wurst und Porree

Kas|sen|zet|tel ist, wie alle Texte auf dieser Seite, ein unabhängiges Projekt, das in keinerlei Abhängigkeit zu den beschriebenen Supermarktketten steht.

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