Kas|sen|zet|tel 017

16 Mrz

Warum Kas|sen|zet|tel? Hier!

Ullrich am Bahnhof Zoo, Berlin 2016

Ullrich am Bahnhof Zoo, Berlin 2016

Als ich zum ersten Mal nach Berlin kam, gab es noch keinen Hauptbahnhof. 1990, kurz nach der Wende, gab es nur den Bahnhof Zoo. Den kannte ich aus „Wir Kinder vom …“, das ich heimlich gelesen hatte. Auch an den Ullrich, den Supermarkt unterhalb das Bahnhofs, kann ich mich irgendwie erinnern. Mehr als ein Vierteljahrhundert später bin ich wieder vor Ort, diesmal in ganz anderer Mission. S-Bahnen fahren mit schleifend-heulendem Geräusch an- und ab. Fetzen von Durchsagen wehen über die Bahnsteige. Westkreuz. Liebigstraße. Eine Leuchtschrift informiert über Backwaren und Baguettes zum halben Preis. Neben mir auf der Bank sitzt ein junger Mann mit schütterem Haar und verzehrt eine allgegenwärtige Pizzazunge. Wir schauen Richtung Gedächtniskirche, deren Neubau eingerüstet ist. Das goldene Kreuz auf dem Dach leuchtet im Abendlicht. Über der Rolltreppe nach unten eine Werbung mit der Aufschrift: „Appetit hoch – Treppe runter. Spar Express.“ Ich nehme den Ausgang Hardenbergplatz und gehe den Bauzaun entlang Richtung Currywurstbude. Links fährt ein Taxi geräuschvoll über das Kopfsteinpflaster, rechts verkündet ein Plakat eine Demonstration anlässlich des „Global Day against racism“ Auch auf der anderen Straßenseite steht ein Bauzaun, da wo früher einmal ein Hostel und das Beate-Uhse-Erotikmuseum war. „Markus es tut mir leid“, hat jemand mit dickem Edding auf das Holz geschrieben, „bitte komm!“ Der Eingang zum Ullrich liegt im Halbdunkel. Davor inszenieren ein paar Obdachlose ein Stück, irgendwo zwischen Spaß und Notfall. So genau kann man das nicht erkennen.

Kassenzettel bei Ullrich, Berlin 2016

Kassenzettel bei Ullrich, Berlin 2016

Innen steht einen ältere Frau in einer grünen Jacke in der Pfandrückgabeecke. Sie kramt in der dort aufgestellten Tonne für Buntglas nach versehentlich weggeworfenen Pfandflaschen, während über ihr im Fernsehen ein Konzept für ein Netzwerk Integrierter Flüchtlinge vorgestellt wird. Ich spaziere durch die langen, nicht sonderlich gut ausgeleuchteten Gänge. Vorbei an einer großen Bierlache, vorbei am Sushi-Stand – „eat happy fresh sushi asian“ – Richtung Hinterausgang. Die Drogerieabteilung mit ihren halbhohen Regalen, Haar- und Deosprays und dem traurig-grauen Boden erinnert mich an geschlossene Schlecker-Filialen. Kurz vor der Kasse beraten italienische Touristen darüber, welche Chips sie wohl kaufen sollen. „Ich bezahle das hier“, sagt ein Schüler zu seinem Kumpel und zeigt auf eine Flasche Wodka, „dann müssten wir ungefähr gleich sein.“

Kassenzettel 017

Kassenzettel 017

Vor mir legt ein Kunde zwei Tüten Milch und einen kleinen Eimer mit Sauerkraut vom Fass auf das Band. Noch vor uns möchte ein Mann ohne Deutschkenntnisse Zigaretten kaufen. „Gold“, sagt er und schüttelt jedesmal den Kopf, wenn die resolute Kassiererin in ihrer hellblauen Bluse ihm einen Packung zeigt. „Er meint vielleicht eine andere Marke“, sagt der Mann mit dem Sauerkraut. Schließlich stellt sich heraus, dass er „rot“ meint. „Det is aba nich gold“, sagt die Kassiererin. Am Packtisch liegen alle Kassenzettel in den diversen integrierten Mülleimern. Die Frau neben mir packt ihre Einkäufe in diverse Taschen und bringt den Wagen weg, ohne einen langen Bon (nicht der ihre) zu entfernen. Ich folge ihr unauffällig.

  • Dänische Gurken
  • Relentl EnergDri (2x)
  • Hochzeit-Nudeln
  • Mirabellen m. Ste.
  • Palmin (2x)
  • Rama mit Butter
  • Cafeteria Minis (2x)
  • Leipzi. Allerlei
  • Maggi fix&frisch (3x)
  • Party Garnelen (2x)
  • Gravadlachs
  • Mon Cheri
  • GT Power Sandwi
  • Underberg
  • Filtertüten 102
  • Glückwunschkarte
  • Zwiebelmettwurst (0,161 kg)
  • Prinzenrolle Kak
  • Käse Snack
  • Kinkartz Waffele (2x)
  • Kalbsgulasch (0,340 kg)
  • Nimm2 Lachgummi (2x)
  • Landkäse Paprika (0,157 kg)
  • Span. Salami (2x, 0,059 kg und 0,089 kg)
  • Bücher, Zeitschriften (2x)
  • Trauben kernlos (0,478 kg)
  • Freiland-Eier
  • Erdbeeren 500 g
  • Marlb Blue (5x)

Der Zettel lässt eigentlich kaum Rückschlüsse zu. Insgesamt 46 Posten im Gesamtwert von 104,86 Euro, bar bezahlt an einem Dienstag um genau 15:30. An einem für größere Einkäufe eher unbequemen Ort. Es sei denn man hat schon um halb vier Schluss und fährt danach mit der Bahn weiter an einen Wohnort, an dem keinerlei Infrastruktur vorhanden ist. Ob jung oder alt ist schwer zu sagen. Zwei Energiedrinks einerseits, Palmin und Leipziger Allerlei andererseits. Schade, dass die Kasse nicht vermerkt, welche Zeitschriften gekauft wurden. Wahrscheinlich aber eine alleinstehende Person, wie die geringen Mengen an Wurst und Käse vermuten lassen. Underberg, Filtertüten und Glückwunschkarte stelle ich mir als Ausgangspunkt für ein fulminantes Roadmovie vor, in dem der oder die Protagonist/in insgesamt fünf Packungen blaue Marlboro raucht. Ein Rezept ist bei einer derartigen Schnitzeljagd durch alle Abteilungen des Ladens aber eher schwierig. Was mache ich aus Kalbsgulasch, Prinzenrolle und Zwiebelmettwurst? Ich klammere mich an die Gurken, Garnelen, Freilandeier und Powersandwich. Warum nicht mal wieder ein ordentliches Butterbrot, pardon, eine Stulle.

Versuchsanordnung, Aachen 2016

Versuchsanordnung, Aachen 2016

Lachs mit Honig-Senf-Soße und Krabben in Cocktailsoße

  • 100 g Räucherlachs
  • 100 g Krabben (vorzugsweise aus der Nordsee)
  • 2 Eier
  • Essiggurken
  • Frühlingszwiebeln
  • zwei Scheiben dunkles Vollkornbrot
  • zwei Scheiben luftiges Weißbrot

für die Honig-Senf-Soße

  • 1 EL nicht zu feiner Senf
  • 1 EL Sonnenblumenöl
  • 1 EL flüssiger Honig (ggf. im Wasserbad verflüssigen)
  • 1 Spritzer Zitronensaft

für die Cocktailsoße

Alle Zutaten aus dem Kühlschrank nehmen und auf Zimmertemperatur kommen lassen. Die Soßenzutaten zusammenrühren und die Krabben unter die Cocktailsoße mischen. Die Eier hart kochen, abschrecken, pellen und mit dem Eierschneider in Scheiben schneiden. Die frischen Brote brauchen keine Butter. Das dunkle Brot mit Ei, Lachs, Honig-Senf-Soße und Gurke, das Weißbrot mit Ei, Krabbencocktail und Frühlingszwiebeln garnieren. Dazu (nicht erst danach) passt ein eisgekühlter Kümmelschnaps.

Lachs mit Honig-Senf-Soße und Krabben in Cocktailsoße

Lachs mit Honig-Senf-Soße und Krabben in Cocktailsoße

Kas|sen|zet|tel ist, wie alle Texte auf dieser Seite, ein unabhängiges Projekt, das in keinerlei Abhängigkeit zu den beschriebenen Supermarktketten steht.

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