ethnografische notizen 125: wein salon natürel

15 Mrz
Wein Salon Natürel, Köln 2016

Wein Salon Natürel, Köln 2016

Anders als bei den Streetfood-Festivals im Jack in the Box gibt es zum Wein Salon Natürel 2016 keine massenhaften Besucherströme. Zumindest nicht schon ab der Straßenbahnhaltestelle. Was ich persönlich eher angenehm finde. Am Tor Ecke Vogelsanger und Helmholtzstraße hängt das hübsche Plakat mit drei Weinflaschen und dem großen roten Korkenzieher, welches allerdings in der Unordnung des Geländes etwas verloren geht. Links und rechts des Wegs ramponierte Container. Rechts sitzen drei Menschen auf alten Stühlen und unterhalten sich. Links sind zwei Männer mit einer Dose Lack an der beschädigten Türe eines Transporters beschäftigt. Das erinnert eher an das Set einer Tatortfolge denn an eine Veranstaltung zu Vin Naturel und es beschleicht mich das leise Gefühl, dass wir am falschen Ort oder zumindest zur falschen Zeit unterwegs sein könnten. Im Halbdunkel einer Art Container Tunnel vor dem Eingang zur Halle erkennen wir dann doch eine Person hinter der Kasse. „Das macht dann 24 Euro, bitte“, sagt der Mann. Zwei Mal zehn Euro plus Glaspfand. Er reicht uns zwei mit dem Logo der Veranstaltung versehene Degustationsgläser und wünscht uns viel Spaß.

Vorbei an einem an Kölschflaschen nippendem jungen Paar in der Sonne betreten wir die Halle. „Sauerkrautplatten“, sagt P. Ich schaue ihn fragend an. „So heißen die“, sagt er und zeigt auf die weiß gestrichenen groben Holzplatten an der Decke, die an manchen Stellen durch Wasser ziemlich ausgebeult sind. An der Garderobe rechterhand hängen ordentlich aufgereihte dunkelgrüne und blaue Parkas. „Da kannst du dir gleich eine Hipsteruniform aussuchen“, sage ich zu P., der schon lange mit einem entsprechenden Kleidungsstück liebäugelt. In der Mitte des Raums stehen die Winzerinnen und Winzer hinter niedrigen Tischen. Immer zwei pro Stand, nach Ländern sortiert und mit grünen, orangefarbenen und gelben Markierungen – je nach Schwefelgebrauch. Denn Naturwein, so heißt es auf der Website der veranstaltenden Vincaillerie, ist am liebsten ungeschwefelt. Ansonsten handgelesen, spontanvergoren, ungefiltert, ungeklärt und ungeschönt. Ein paar Stufen führen hinauf zu einer Empore, wo man Flammkuchen, Käse und Antipasti kaufen kann. Ein regungsloser Mann sitzt hinter einem Tisch mit Olivenöl. Nach kurzer Diskussion (mit P., nicht dem Olivenölmann) bestelle ich einen Flammkuchen „Olé“ mit Paprika und Chorizo. „Darf ein bisschen Chili drauf?“, fragt mich der junge Flammkuchenbäcker und zieht sich seine Jeans ein kleines Stück über seine gestreifte Boxershorts. Er erklärt mir, dass ich erst an der Theke am anderen Ende des Raumes bezahlen muss. Wir essen alleine an den zahlreich aufgestellten Tischen im unteren Bereich und machen uns dann endlich auf zum Wein.

„Tschechischen Wein habe ich wohl noch nie getrunken“, mutmaße ich. Der Mann hinter dem Stand will mir einen Rotwein einschenken, aber die Flasche ist so gut wie leer. In meinem Glas landet ein etwas trüber Rest. „Nicht mein Stand“, erklärt uns der Mann entschuldigend auf Englisch. Statt des Rotweins der abwesenden Nachbarin probieren seine ziemlich säurehaltigen Weißweine. Ein Franzose aus dem Languedoc sitzt nonchalant oben auf der Lehne seines Stuhls. „Hello“, sagt er, „how are you?“ Wir probieren seinen Carignan, der schon sehr viel mehr meinen Geschmack trifft. „Wie gefällt dir unser Bier“, frage ich ihn und zeige auf seine Gaffel-Flasche. „Ich mag leichtes Bier“, sagt er und lacht, Wir probieren uns durch Deutschland und wieder zurück nach Frankreich. An die Ardèche, um genau zu sein, wo ich vor gut 25 Jahren mal in einer kleinen Stadt zum Schüleraustausch war. 15 Kilometer weiter nach Osten, erklärt mir die Winzerin ihren Standort. Sie habe nur weißen, ihre Kollegin nur roten. Wir degustieren von rechts nach links, von weiß nach rot. Von letzterem nehmen wir eine Flasche mit. Für den Abend, da so gut wie alle Weine auch in der Vincaillerie in Ehrenfeld zu bekommen sind. In Italien versuche ich eine Art Prosecco aus Italien, der nicht wirklich meinen Geschmack trifft und über den man leider auch nicht viel mehr erfahren kann. Naturwinzer sind nun mal keine Fremdsprachenkorrespondenten. „Noch einen“, sage ich zu P., „dann ist Schluss.“ Wir landen ganz hinten rechts in der Ecke. Links Mosel. Ein junger bärtiger Kanadier mit Ringen an den Daumen, der uns erläutert, dass es auch in seinem Heimatland Weinanbau gibt, allerdings gebe es manchmal zu früh Frost und dann würden die – „Wie heißt das, die Knopsen?“ – abfrieren.

Auf dem rechten Schild steht Steiermark – durchgestrichen und durch Burgenland ersetzt. „Schwerer Fehler“, sage ich zur österreichischen Winzerin hinter dem Tisch. „Halb so wild“, lacht sie und erklärt, dass es eine Winzerfamilie ihres Namens in der Steiermark gebe. Auf dem Tisch steht eine mit einem Kronkorken verschlossene Flasche mit rotem Inhalt. „Was ist das?“, frage ich. „Das ist der Pet Nat“, sagt Maria, „den bekommt ihr zum Schluss.“ Wir probieren Veltliner, Welschriesling und gemischten Satz und unterhalten uns über den Wein, die Messe, das Weingut zuhause und die Anreise. „Seid’s ihr aus Köln“, fragt Maria. P. nickt. „Dann muss ich das jetzt fragen: War’s Silvester wirklich so schlimm.“ Wir sprechen über Köln, über Silvester am Hauptbahnhof und den Tag des guten Lebens in Ehrenfeld. „Was ist denn eigentlich ein typisches Gericht für Köln?“, fragt Alex, der Winzer, der immer wieder mit einem Glas in der Hand ausschwärmt, um die Weine der anderen zu probieren. Wir empfehlen „Himmel un Ääd“ und ein passendes Brauhaus und werden mit dem Pet Nat (Pétillant Naturel) belohnt. Eine natürliche Version vom Schaumwein, lernen wir, ohne zweite Gärung, bei dem der noch gärende Most abgefüllt wird. Die leicht trübe, sattrosafarbene Flüssigkeit prickelt angenehm feinperlig. „Alexander“ steht auf dem schlichten Etikett. „Den hast du einfach mal direkt nach dir selber benannt?“, frage ich. „Naaa“, sagt der Österreicher etwas verlegen, „die Etiketten waren noch nicht fertig. Die Weine sind ja auch Fassproben.“ Seine Frau reicht uns einen kleinen Flyer mit einer bunten Zeichnung des Neusiedler Sees nebst Kirchturm und Weinberg. „Das sollte eigentlich drauf sein.“ Leider haben die beiden nichts mehr, aber auch gar nichts mehr zu verkaufen. Ein älterer asiatischer Mann mit Rucksack kommt ein Paket abholen. Vermutlich die letzten Flaschen. Wir tauschen Karten aus, verabschieden uns und wünschen eine gute Heimreise.

Auf dem Weg nach draußen treffen wir auf Surk-ki Schrade, die Organisatorin des Salons. Sie erzählt uns dass die Burgenländer noch dabei seien, das elterliche Gut umzustellen, aber trotzdem gerne mitmachen wollten. Die Fassproben seien eine Art Bewährungsprobe. „Bestanden“, konstatiere ich, „wir gehen jetzt lieber mal nach hause.“ „Was?“, fragt Surk-ki, „habt ihr etwa nicht ausgespuckt?“ „Mal ganz ungeschönt und ungefiltert“, antworte ich, „dafür war’s mir meistens einfach zu schade.“

3 Antworten to “ethnografische notizen 125: wein salon natürel”

  1. utecht 16. März 2016 um 21:02 #

    Fast genauso ist es uns ergangen 🙂
    Wart Ihr auch am Sonntag da?

  2. Christian 17. März 2016 um 03:37 #

    Sehr schöner Blog-Beitrag! Der Alexander Koppitsch (http://alex-koppitsch.at) ist ein toller Geheim Tipp – aus meiner Sicht sicherlich mit einer der interessantesten Winzer in Österreich was das Naturwein Thema betrifft. Da werden wir noch viele spannende Weine von ihm ins Glas bekommen – sofern verfügbar 😉

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