Kas|sen|zet|tel 010

3 Feb

Warum Kas|sen|zet|tel? Hier!

Real, Imgenbroich 2016

Real, Imgenbroich 2016

Rechts von der Hauptstraße der megalomane Neubau einer Kaufland-Filiale. Im Dunkeln erinnert sie an ein auf der Wiese gelandetes UFO. Ich nehme den nächsten Kreisverkehr und verlasse ihn wieder in Richtung des alten Industriegebiets und fahre zum Real. Oder „ehemals Allkauf“, wie meine Eltern nach wie vor sagen, weil der Supermarkt irgendwann in den 1980er Jahren mal unter diesem Namen gestartet ist. Eine dunkle, nahezu unbeleuchtete Straße, auf der man sich, wie so oft auf dem Land, fragen könnte, ob dahinter noch Welt ist. Ein düsterer, teils überdachter, um 19.30 Uhr eher leeren Parkplatz. Im Eingangsbereich riecht es nach Wurst und Frikadelle. Drei Männer versorgen sich im Truck-Stop-artigen Restaurant mit Abendessen. An der Scheibe hängt ein Plakat auf dem eine Frau mit Salatblättern im Mund zu sehen ist. Darunter die Aufschrift „Es kann nicht immer Salat sein“ und eine handschriftlichen Werbung für die hauseigene „Schlemmerpfannne“. Ich betrete die riesige Halle mit dem Vollsortiment von Elektrogeräten bis Dosenfisch, von langen Unterhosen bis Einmachzucker. Einen ersten Bon habe ich bereits draußen auf dem Parkplatz geborgen. In der erstaunlich gut sortieren Gemüseabteilung überlege ich, was ich mir selbst zum Abendbrot kaufen möchte. In einer Kiste mit Bio-Avocado entdecke ich einen Einkaufszettel, den ich sicherheitshalber auch noch einstecke. Obwohl mich niemand dabei beobachtet hat, kaufe ich aus lauter Verlegenheit eine Bio-Avocado. Über die Lautsprecher läuft zunächst Radiomusik und dann eine kurze Besprechung des neuen Films von Tarantino. Der würde hier auch drehen können, denke ich, während ich durch die Tiefkühlabteilung laufe. Vielleicht aber doch lieber die Coen-Brüder. An der Kasse diverse einzelne, mittelalte Männer. Vor mir eine Supermarktangestellte, zu erkennen am rotblauen Kittel, die unter anderem zwölf Packungen Kaugummi kauft. Davor ein frankophones belgisches Ehepaar, ebenfalls überwiegend mit Süßkram auf dem Band. Der Mann bezahlt mit Karte, rechnet aber nicht mit deutlicher Gründlichkeit und will seine PIN viel zu früh eingeben. „Jetzt“, sagt die Schokolinsen essende Kassiererin freundlich. „Au revoir“, sagt das Ehepaar. „Au revoir“, sagt die Kassiererin. Ich werfe verstohlen einen ersten Blick auf den Kassenzettel:

  • I Love Milka
  • Milchschnitte
  • rQ Chicken Nuggets
  • TIP Schokoküsse
  • Cini Minis
  • Dr. Oetker Finesse
  • Zeitschrift
  • TIP Semmelknödel
  • Puffreis
  • Brause-Bonbon-Box
  • Dany Sahne
  • Möhren
  • 1688 Mehrkorn
  • Choclait Chips
  • rQ Reiswaffeln
  • Sarotti Eszet Schnitten

Langsam glaube ich, dass die Bons mit den ganzen Süßigkeiten keine Zufälligkeit, sondern die Norm sind. Es werden viel zuckerhaltige Waren ver- und gekauft in Deutschlands Supermärkten. In diesem Fall vor allem solche mit Schokoladenüberzug oder -beimischung. Außerdem mehrheitlich Markenprodukte. Eine kurze Recherche auf Wikipedia macht deutlich, dass die € 26,20 hauptsächlich an große Konzerne gehen. An die weltweit größten Nahrungsmittelhersteller etwa, Nestlé (Cini Minis, Choclait Chips), Dr. Oetker, Mondélez (Milka) oder Danone (Dany Sahne). An Ferrero, den größten international tätigen italienischen Lebensmittelkonzern (Milchschnitte) oder an Katjes (Frigeo Brause Bonbon Box), den drittgrößten Hersteller im deutschen Zuckerwarenmarkt. Während der Puffreis noch von der überschaubaren Firma Hosta im baden-württembergischen Stimpfach stammt, ist die deutsche Butterbrot-Ikone „Eszet“ mittlerweile über den Umweg Stollwerck in den Händen des belgischen Schokoriesen Baronie.

Angesichts dieser Monotonie bin ich froh über das zweite Fundstück aus der Avocado-Kiste:

  • Schweinerücken
  • Rakletkäse (sic!)
  • Käse

Auch nicht unbedingt innovativ, aber immerhin kann ich das Huhn mal durch Schwein ersetzen. Schokolade, Cini Minis und Möhren verschlagen mich nach Mexiko, wo ich aus diversen Mole-Rezepten folgende Kombination zusammenbastele:

Schweinenacken, Cini Minis, Eszet-Schnitten, Orangenzesten

Schweinenacken, Cini Minis, Eszet-Schnitten, Orangenzesten

Schweinenacken in Orangensaft mit Chili-Schokoladensoße

  • Sonnenblumenöl
  • 500 g Schweinenacken am Stück
  • 1 Zwiebel (grob gehackt)
  • 1 EL Tomatenmark
  • Zesten und Saft einer Orange
  • 400 ml Wasser
  • 2 Knoblauchzehen (grob gehackt)
  • 3 Möhren (geschält und grob geschnitten)
  • 1 Zimtstange
  • 2 Lorbeerblätter
  • Salz und Pfeffer
  • Sonnenblumenöl
  • 1 Zwiebel
  • 2 getrocknete Ancho-Chilies
  • 50 g Rosinen
  • 1 Messerspitze Chipotle (geräuchertes Chilipulver)
  • 2 TL gemahlener Kreuzkümmel
  • 2 TL Zimt
  • 2 EL Erdnussbutter
  • 1 Dose Tomaten
  • ½ Packung Eszet-Schnitten zartbitter
  • Salz
  • 1 rote Zwiebel
  • Saft einer Limette
  • Salz
  • Cini Minis

Die rote Zwiebel auf einer Gemüsereibe hauchdünn schneiden. Mit dem Limettensaft vermengen, salzen und mindestens eine Stunde durchziehen lassen.

Sonnenblumenöl in einem gusseisernen Bräter erhitzen, Fleisch darin von allen Seiten anbraten. Danach die Küche putzen. Fleisch herausnehmen und Zwiebeln anbräunen. Tomatenmark unterrühren. Mit dem Orangensaft und dem Wasser ablöschen und alle weiteren Zutaten hinzugeben. Zum Kochen bringen und mindestens 1,5 Stunden zugedeckt auf kleiner Flamme schmoren lassen.

Für die Soße die Anchos (oder vergleichbar milde getrocknete Chilies) eine Viertelstunde in lauwarmen Wasser einweichen. Stiele und Samen entfernen und mit einem guten Schuss Einweichwasser und den Rosinen pürieren. Mit den Gewürzen, der Erdnussbutter, den Tomaten und dem Wasser zu den Zwiebeln geben. Eine gute Stunde auf kleiner Flamme köcheln lassen und durch ein Sieb streichen. Schokolade unterrühren und mit Salz abschmecken.

Fleisch und Möhren aus dem Bräter nehmen, Sud durch ein Sieb geben und ggf. auf eine sämige Konsistenz einreduzieren. Fleisch mit zwei Gabeln in kleine Stücke zerfasern und einige Minuten im Sud ziehen lassen. Mit der dunklen Soße. den eingelegten Zwiebeln und wenigen Cini Minis anrichten.

Schweinenacken in Orangensaft mit Chili-Schokoladensoße

Schweinenacken in Orangensaft mit Chili-Schokoladensoße

Kas|sen|zet|tel ist, wie alle Texte auf dieser Seite, ein unabhängiges Projekt, das in keinerlei Abhängigkeit zu den beschriebenen Supermarktketten steht.

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