Kas|sen|zet|tel 009 – Zwischensumme

30 Jan

Warum Kas|sen|zet|tel? Hier!

Kassenzettel Colruyt und Hilal aus eigener Produktion, Januar 2016

Kassenzettel Colruyt und Hilal aus eigener Produktion, Januar 2016

Weil ich die Läden in meiner Nähe schnell abgegrast habe, schreibe ich mir eine Liste mit Discountern aus anderen Städten und Ländern. So ein Projekt will ja vorbereitet sein. Unter dem Stichwort „Belgien“ stehen dort Delhaize, Match und Carrefour – außerdem ein Supermarkt namens Colruyt. Den besuche ich in der Mittagspause, nach einem Termin in Eupen. Dabei habe ich hohe Erwartungen, ein handgeschriebener Einkaufszettel einer belgischen Seniorin für das anstehende Wochenende vielleicht oder der Bon eines Ministeriumsangestellten, der auf dem Weg nach Hause hier noch die Familieneinkäufe tätigt.

Ich parke am Bahnhof und mache mich auf zum oberen Ende des in den Hang gebauten Einkaufszentrums. Der Supermarkt ist einer der wenigen verbliebenen Mieter der Anlage. Ziemlich in die Hose gegangen, dieses Einkaufszentrum, aber das ist eine andere Geschichte. „Tiefstpreise/Meilleurs prix“ steht auf einem Schild am Eingang der Straße. Zweisprachig, denn immerhin sind wir in der Hauptstadt der deutschsprachigen Gemeinschaft. Ich überlege, ob deutsch „tief“ und französisch „gut“ vereinbar sind. Vorbei an zweigeschossigen Backsteinhäusern, die mit Altweiberfiguren auf den Karneval vorbereitet sind. „Eupen Plaza Shopping Center“ steht über den automatischen Türen, von denen die rechte außer Betrieb ist. Leicht vergammelte Reste der Weihnachtsdekoration. Dahinter ein erstaunlich gut besuchtes modernes Café mit dem Namen „Sucré Salé“. Viele ältere Damen in weichen Pullovern, vereinzelte Herren und ein dicker Hund auf einem Kissen auf einem Stuhl. Die auf- und abfahrenden Rollrampen zum Supermarkt einen Gang weiter sind menschenleer. Ich inspiziere die beiden ordentlich geparkten Einkaufswagenreihen. Nichts. Kein Zettel, kein Bon, keine Verpackungsreste, nur Sauberkeit und Ordnung. Mich beschleicht das ungute Gefühl, dass das hier nichts wird. Wenn sich irgendwo etwas finden lassen müsste, dann genau hier. Im Moment des Abstellens des Wagens, beim Einpacken der Waren, beim Abschluss des Einkaufsvorgangs und beim Aufbruch zur nächsten Tätigkeit.

Das Innere des Ladens ist eine Mischung aus Handelshof und aufgeräumten Supermarktlager. Sehr hohe Regale mit sehr vielen Waren und hier und da orangefarbene Hocker um an die höher gelagerten Produkte gelangen zu können. In den Gängen sind junge Männer und Frauen in Berufsbekleidung damit beschäftigt, die vorbildliche Ordnung vorbildlich zu halten. Die zahlreichen etwas altmodischen Toploader-Gefriertruhen sind mit weißen, undurchsichtigen Abdeckungen versehen. Darüber Fotografien der enthaltenen Tiefkühlwaren. Obst, Gemüse, Fleisch- und Molkereiprodukte befinden sich in einem separaten Kühlraum. Um diese Tageszeit streifen nur ein paar ältere Kunden durch den Laden. Vermutlich haben sie keinen Platz mehr im Café gefunden. Ich drehe eine Runde durch das Geschäft, mein Blick fest auf dem Boden. Nichts. Außer zwei bis drei kleineren Etikettenresten auf dem Boden und ein Kreditkartengroßes Stück Karton liegt nirgendwo etwas herum. Nur Sauberkeit und Ordnung. Als ich an der Kasse ankomme, verstehe ich endlich das Fehlen jeglicher Kassenbons im Eingangsbereich. Eine mittelalte Frau kassiert die Kunden im Stehen. Ein bisschen wie in einem schwedischen Möbelhaus. „Yvonne“ steht auf ihrem Namensschild. Nachdem sie die Produkte gescannt hat, geht sie ein paar Schritte weiter, um eine große, gedruckte Rechnung auszudrucken. Die Kundin vor mir faltet das Papier sorgfältig, um es dann in ihrem überdimensioniertem Damenportemonnaie zu verstauen. Geschäftliche Unterlagen. Sowas verliert oder vergisst man nicht.

Die Angaben auf dem „ticket de caisse“ sind äußerst präzise. Der „fromage de chèvre bio“ wiegt 308 Gramm, kostet € 22,70 im Kilo und beläuft sich damit in meinem Fall auf satte € 6,99. Trotzdem verkündet mir das Schild über dem Ausgang, dass man gegenwärtig im Durchschnitt 10,42 Prozent billiger sei als Aldi. Früher, als die Preise dort noch aus dem Kopf, mehr oder weniger präzise eingetippt wurden, hätte ich, der ich wenig Preise im Kopf habe, dieses Projekt gar nicht machen können. Aus lauter Zahlen kann man nichts kochen. Außer man ist Aldi-Kassiererin und kann die Preise auch andersherum. Heute hingegen steht alles möglich auf dem Bon und die zahlreichen Bonus- und Payback-Programme erfassen das Einkaufsverhalten ihrer Kunden bis aufs Gramm genau. Mir würden ja schon grobe Angaben reichen …

Nach Feierabend schaue ich auf dem Heimweg noch beim Hilal vorbei. Auch da würde ich gerne mal einen Kassenzettel mit nach Hause nehmen, denn in türkischen Supermärkten gibt es nur wenige Dinge, die ich nicht ausprobieren möchte. Aber die junge Frau an der Kasse gibt – oh Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen – die Preise noch von Hand ein.

 

Kas|sen|zet|tel ist, wie alle Texte auf dieser Seite, ein unabhängiges Projekt, das in keinerlei Abhängigkeit zu den beschriebenen Supermarktketten steht.

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