Kas|sen|zet|tel 008

27 Jan

Warum Kas|sen|zet|tel? Hier!

Penny, Eigelstein, Köln 2016

Penny, Eigelstein, Köln 2016

Durch die große Halle des Kölner Hauptbahnhofs läuft ein rothaariger, bärtiger Obdachloser, in der Hand mehrere Plastiktüten. Auf einer von ihnen steht in weißen Buchstaben auf rotem Grund: „Erst mal zu Penny.“ Der Aufforderung folge ich und gehe auf der Hinterseite des Bahnhofs Richtung Eigelstein, vorbei am Sicherheitspersonal der Bahn und den Polizisten,. Die nördliche Verlängerung der römischen Heerstraße ist im 21. Jahrhundert geprägt von einer für Köln typischen Mischung aus Altbauresten und pragmatischen Neubauten der Nachkriegszeit. Ich passiere zweifelhafte Kneipen mit nicht mehr ganz jungen Damen in den offenen Fenstern, Ansammlungen von asiatischen und türkischen Supermärkten und eine Kölsch-Brauerei. Im Eingang des Supermarkts unterhalten sich nicht mehr ganz nüchterne Männer auf Russisch. Unauffällig fotografiere ich den gelben Haftzettel auf dem Griff eines Einkaufswagen.

  • Küchentuch
  • Zitrone
  • Ingwer
  • Orange
  • Balsamico
  • Honig
  • Milch
  • Hühnersuppe

Erst als ich einer Freundin ein paar Tage später das Bild zeige, verstehe ich, dass der Zettel nicht zufällig auf der Stange klebt. Das mache sie auch immer so, erklärt M., damit habe man die Liste den ganzen Einkauf über vor Augen. Diese hier wurde offensichtlich vergessen, vermutlich weil die einkaufende Person krank war. Darauf lassen die Produkte schließen. Grippaler Infekt, würde ich sagen. Küchenpapier, um die Nase zu putzen, Hühnersuppe für die allgemeine Genesung, Ingwer, Zitrone und Orangen für die Abwehrkräfte und Milch mit Honig, damit man wenigstens ein bisschen schlafen kann. Lediglich der Balsamico passt nicht ganz in das Ensemble. Darum bleibt er im Rezept auch außen vor. Zudem bin ich kein großer Freund von mildem Essig. Eine fertige Hühnersuppe kommt ebenfalls nicht in Frage, ich nehme mir die Freiheit eine selbstgemachte zu verwenden. Wie ich Milch und Honig darin unterbringen soll, muss ich aber erst noch rausfinden.

Milch, Huhn, Orange und Honig

Milch, Huhn, Orange und Honig

Man muss ja nicht jedes Mal das Rad neu erfinden, denke ich, deshalb recherchiere ich erst einmal im Internet und in meiner Bibliothek. Hier was nehmen, dort was kopieren und anpassen – ein kreativer Prozess, der manchmal eine Stunde braucht, manchmal auch ein paar Tage. Mitunter gehe ich vor dem Einschlafen noch einmal ein Rezept durch und weiß dann beim Aufwachen, was ich anders machen könnte. Im vorliegenden Fall wandern meine noch lose Assoziationen von einem Rezept für „Tscherkessisches Huhn“ aus einem mittlerweile verschollenen Biolek-Kochbuch hin zum Dokumentarfilm „Oma & Bella“. Ich bin auf der Suche nach in Milch gekochtem Huhn und damit bei zwei jüdischen Omas vermutlich an der falschen Adresse. Wegen Speisegesetzen und so – Du sollst das Zicklein nicht in der Milch seiner Mutter kochen. Das gilt auch für Hühner, nehme ich an. Neulich war ich mit einem Freund aus Israel essen, der erzählte, was die aus ganz unterschiedlichen Ländern stammenden Nachbarn zuhause in Tel Aviv so kochten. Bei den Polen gab es oft ein Gericht namens „gewaschenes Huhn“, bestehend aus Wasser und Huhn. Keine Milch. Fündig werde ich letztendlich bei der Suche mit niederländischen Begriffen. „Das macht Sinn“, denke ich „man muss da suche, wo es viel von dem gibt, was man sucht.“ Huhn als universelles Lebensmittel plus die Niederlande als großer Milchproduzent. Das Rezept auf der Website der Supermarktkette Albert Heijn interessiert mich dabei nicht wirklich (ganz abgesehen von so dubiosen Zutaten wie „1 Flasche Hühnersuppenbasis“), mir reicht die Tatsache, dass man Huhn mit Milch kochen kann.

Geflügelsalat mit Zitrusfrüchten auf Baguette

(Das ist vielleicht nahe am „Crispy Chicken“ vom vorletzten Mal, aber zum einen ist Huhn+Obst+Brot einfach eine überzeugende Kombination, zum anderen bin es ja nicht ich, der die Einkaufszettel schreibt.)

  • 2 Hühnerbeine
  • 1 Liter Wasser
  • 250 ml Vollmilch
  • Suppengemüse
  • 1 Zwiebel
  • 2 Lorbeerblätter
  • zwei Zweige Thymian
  • 2 Scheiben Ingwer
  • 1 TL Salz
  • Pfeffer
  • Saft einer Zitrone
  • 2 EL Honig
  • 3 EL Olivenöl
  • 4 Scheiben Baguette
  • Butter
  • 1 Orange
  • Kresse

Die Hühnerbeine in kaltem Wasser aufsetzen und zum kochen bringen. Mit einem Schaumlöffel oder einem Sieb den Schaum entfernen. Die Milch hinzufügen und Vorgang wiederholen. Suppengemüse, Zwiebel, Lorbeer, Thymian und Ingwer hinzufügen. Auf kleiner Flamme etwa eine Stunde gar ziehen lassen. Die Suppe sieben und für die nächste Erkältung einfrieren.

Zitronensaft, Honig und Olivenöl verrühren. Die Hühnerbeine enthäuten, das Fleisch in gleichmäßige Stücke zerteilen und noch warm zur Marinade geben. Gut verrühren und mindestens eine Stunde ziehen lassen. Die Mischung mit einem Kartoffelstampfer bearbeiten, bis das Fleisch zerfasert und die Flüssigkeit vollkommen aufgenommen hat.

Die Orange filetieren. Die Butter in einer Pfanne zerlassen und die Baguettescheiben darin von beiden Seiten anbräunen. Den Geflügelsalat darauf anrichten, mit Kresse garnieren und mit einem Orangenfilet belegen.

Geflügelsalat mit Zitrusfrüchten auf Baguette

Geflügelsalat mit Zitrusfrüchten auf Baguette

Kas|sen|zet|tel ist, wie alle Texte auf dieser Seite, ein unabhängiges Projekt, das in keinerlei Abhängigkeit zu den beschriebenen Supermarktketten steht.