Kas|sen|zet|tel 007 – Zwischensumme

25 Jan
Beginn einer ausführlichen Beschäftigung, Aachen 2011

Beginn einer ausführlichen Beschäftigung, Aachen 2011

In der Mittagspause spreche ich mit Kollegen über das Projekt. Ich versuche zu erklären, was ich damit bezwecke. „Aha“, sagt eine Kollegin, „sowas machen aber auch andere, oder?“ Ich bejahe. Dass ich das Rad nicht neu erfunden habe, weiß ich irgendwie. Schon mal irgendwo gesehen. Genaueres dann aber auch wieder nicht. Ein paar Tage später mache ich mich auf die Suche nach jenen Anderen, die auch irgendwie was mit Einkaufszetteln machen. Ich werde schnell fündig – im gleichnamigen Artikel auf Wikipedia. Neben einer Studienarbeit finden sich dort drei mehr oder weniger prominente Publikationen zum Thema.

Von Wigald Boning etwa, ein Buch namens „Butter, Brot und Läusespray. Was Einkaufszettel über uns verraten“ (Rowohlt, Reinbek 2013). Der beginnt seine Analyse mit einer imaginären Boulevard-Schlagzeile: „Früher großer Fernsehstar – heute wühlt er im Müll“ und stellt die Frage „warum ein Herr in seinen besten Jahren um Himmels Willen seine Zeit mit dem Suchen von Schmierpapieren vergeudet (…).“ Anschließend erklärt er, wie er in die „Welt der Notizologie“ gefunden habe. Über den Leiter eines Supermarktes in seiner Wahlheimat nämlich, der den Grundstock der Sammlung für ihn zusammengetragen habe. Der Autor stellt Mutmaßungen an über die aufgeschriebenen Produkte, ihre Schreibweise oder die Flecken auf dem Zettel. „Mich deucht, dass es sich bei dieser Handvoll Einkaufszettel um eine literarische Preziose handelt, um ein Zeugnis menschlichen Daseins im Konsumzeitalter.“ Das ist ziemlich kurzweilig, wie es bei einem nicht ganz unbekannten Komiker zu erwarten ist. Aber damit ist auch die Grenze des Buches erreicht. Boning bleibt in seiner Rolle und während er auf dem Cover in einer lustigen bunten Jacke vor einer Pinnwand mit lauter Einkaufszetteln zu sehen ist, geht es auch im Buch nicht unbeträchtlich viele Seiten eher um ihn selbst, als um die Fundstücke.

Sandra Danicke – „Fußrubbelding. Einkaufszettel erzählen vom Leben“ (Fischer, Frankfurt am Main 2013) – ist laut Wikipedia Kunsthistorikerin, Kunstkritikerin und Autorin, „gilt als leidenschaftliche Sammlerin von Einkaufszetteln und schrieb über ihre Obsession bereits ein Buch.“ Ihr Ansatz ist zunächst durchaus mit dem vergleichbar, was ich so tue. Sie beschreibt die Fundstücke in klaren Kriterien (Bildträger, Stift, Schrift, Zustand und Sortierung) und assoziiert anschließend kurze, nicht immer unbedingt freundliche Szenarien aus dem Leben der Urheber. Ein Einkaufszettel lässt beispielsweise vermuten, dass es Schnitzel mit Soße geben wird. „Menschen, die etwas vom Kochen verstehen, erscheint es natürlich völlig unsinnig, die ‚Schnitzel’ erst mit ‚Semmelbrösel’ zu panieren, um sie hinterher in Soße zu ertränken“, befindet die Autorin. Ihre Geschichten lösen sich schnell und weit von dem, was auf den Zetteln steht. Statt um Fleisch und Soßenbinder geht es plötzlich um einen pensionierten Chemielehrer, der zum Leidwesen seiner Frau 17 Sorten Toilettenpapier testet. Während bei Boning trotz der verkaufbaren Komik durchaus noch Sympathie für die Schreiber der Zettel zwischen den Zeilen lesen lässt, spürt man bei Danicke einen wenig dezenten Dünkel. „Mit Grammatik hingegen steht sie auf Kriegsfuß. Wie heißt noch gleich die Mehrzahl von Kartoffel? Und der Plural von Apfelglas.“ Es mag an meiner kulturanthropologischen Perspektive liegen, aber mich würde in diesem Zusammenhang weniger die korrekte Schreibweise als vielmehr die Frage nach dem „Warum“ der orthografischen Schwäche interessieren.

Zuguterletzt Sabine Knauf mit „Badeschaum und Shrimps. Einkaufszettel aus Berlin“ (Berlin-Story-Verlag, Berlin 2010). Plötzlich erinnere ich mich, dass ich dieses Buch vor Jahren einmal in der Hand gehabt habe. Collagen und Illustrationen entlang gefundener Einkaufszettel. Irgendwie liebevoll und poetisch und vermutlich eine indirekte Inspiration für dieses Projekt – Jahre später. „So wird ein Bild von Berlin sichtbar, das sich in den Zetteln selbst beschreibt, ganz anspruchslos und unspektakulär. Es ist das Bild unserer schönen Vielfalt.“ Wie bei Sabine Knauf ist übrigens auch mein erstes Fundstück in türkischer Sprache verfasst. Aufgehoben vor ein paar Jahren, weniger mit einer konkreten Idee, sondern eher aufgrund einer allgemeinen Faszination mit allem türkischen, nach zwei Reisen nach Istanbul. Und noch eine Parallele finde ich: die Illustratorin dankt den unbekannten Verfassern und Verfasserinnen und spricht damit eine Frage an, die auch mir immer wieder durch den Kopf geht. Wem gehören diese Zettel eigentlich? Diese kleinen sehr intimen Einblicke, zu deren Nutzung mir ja nie jemand Zustimmung gibt. Geliehene Inspiration gewissermaßen, ein Mindestmaß an Respekt scheint mir da angebracht.

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