Kas|sen|zet|tel 006

20 Jan

Warum Kas|sen|zet|tel? Hier!

Kassenzettel 006, Aachen 2016

Kassenzettel 006, Aachen 2016

Eine viel befahrene Ausfallstraße in den Aachener Norden. Aachens letztes Schirmgeschäft und ein paar hundert Meter weiter ein Museum für zeitgenössische Kunst in Aachens letzter Schirmfabrik. Eine KIK-Filiale, ein Kaisers mit Parkplatz, eine Videothek und eine hübsche altmodische Apotheke. Zwei reguläre Bäckereien und eine weitere, die nur das Beste von gestern verkauft. Ein Handel für gebrauchte Elektrogeräte, ein Tattoo-Studio und ein ziemlich großer Asia-Supermarkt.

Die Norma-Filiale beginnt direkt an der Straße. Bürgersteig, Eingangstüre und Drehkreuz direkt hintereinander. Dahinter geht es zur Sache. Ältere Damen mit russischem oder polnischem Akzent und ebenso dicken Wollmützen ziehen einfache Einkaufswägelchen hinter sich her. Junge Männer in grauen Jogginhosen, roten Turnschuhen und ähnlich dick gestrickter Kopfbedeckung angeln wie auf einem Jahrmarkt mit einer angeketteten Gebäckzange nach den Brötchen in den SB-Containern. An der Kasse redet ein altersloser Obdachloser laut vor sich hin, während er seine Bierflaschen aufs Band legt. „Haben Sie heute keine Eier“, fragt eine der Frauen den immer leicht genervt wirkenden Filialleiter mit Schnauz. „Sind heute nicht gekommen“, sagt der einigermaßen unfreundlich, „wäre mir auch lieber, ich könnte Ihnen welche verkaufen.“

Auf dem Zettel, den ich vor dem Packtisch vom Boden aufhebe ist der Abdruck eines Turnschuhs zu sehen. Ein Saldo von insgesamt 2,78 Euro, bestehend aus

  • Orangen
  • Salatherzen Romana (reduziert)
  • Deutsche Markenbutter

Bar und passend bezahlt an einem Dienstagmittag. Der Kassenzettel wünscht ein frohes neues Jahr 2016 und Happy New Year. „Freuen Sie sich mit uns auf ein tolles und spannendes neues Jahr!“ Die Waren erzeugen zwei Szenarien in meinem Kopf.

Variante A

Eine der alten Frauen, die hier täglich einkaufen. Wenig Geld, weil geringe oder im Verlaufe einer Migration verlorengegangene Pensionsansprüche. Vermutlich war sie ihr ganzes Leben lang sparsam– wenn es überhaupt etwas gab. Orangen kauft sie, weil Winter ist und weil man Vitamine braucht. Den Salat, weil er um 29 Cent reduziert ist. Und die Butter – die gute deutsche Butter – ist der einzige Luxus, den sie sich ab und an mal leistet. Die Preise hat sie im Kopf, jede Erhöhung wird sofort bemerkt. Der reduzierte Salat ist darum das Highlight an diesem eher trüben Winterdienstag. Das Geld zählt sie vor der Kasse bis auf den letzten Cent ab, vielleicht hält sie auch der Verkäuferin das Portemonnaie hin, weil sie nicht mehr so gut sieht und kein Geld für eine neue Brille hat. In den kommenden Tagen wird es jeden Tag eine Orange geben, ein bisschen Salat mit Essig und Öl und Butter auf dem Brot vom Vortag, von nebenan zum halben Preis. Zuhause sucht sie den Kassenzettel, als sie die Einkäufe am wachstuchbelegten Küchentisch in das Haushaltsbuch eintragen will.

Variante B

Ein Student, Maschinenbau oder Elektrotechnik, vielleicht eher aus bürgerlichem Hause, durch die Wohnungsknappheit hier an der Jülicher gelandet. Findet das rauhe Klima aber ganz cool, auch die Penner im Norma. Interessiert sich für Craftbeer und/oder Gin aus dem Schwarzwald. Versucht, sich einigermaßen gesund zu ernähren. Keine Tiefkühlpizza und nicht jeden Tag immer Nudeln mit Soße. Weil die Freundin (gerade Vegetarierin) das sagt, weil Jahresanfang ist und weil er sich vorgenommen hat, die Wampe einigermaßen im Griff zu behalten. Hat’s ein bisschen eilig, weil er eigentlich schon an der Uni oder beim Hiwi-Job sein müsste. Kauft nur Salat und Obst, weil heute Abend zuhause noch zusammen gekocht wird. Die Butter ist fürs Nutella-Brot, das er jeden Morgen isst, seit er sich erinnern kann. Geld ist nicht so ein Thema. Der Job ist nicht schlecht bezahlt, die Eltern überweisen pünktlich und außerdem steckt ihm die Oma immer was zu. Den Kassenzettel verliert er, als er losrennt, um den Bus Richtung Uni noch zu bekommen.

Aus der Schlichtheit der Einkäufe und meiner winterlichen Stimmung entsteht ein Rezept, das man vermutlich beiden ganz gut verkaufen könnte:

4 x Salat

4 x Salat

Salatsuppe mit Orangensaft

  • 2 Salatherzen
  • 1 EL Butter
  • 750 ml Gemüsebouillon
  • Saft einer Orange
  • Salz und Pfeffer
  • Joghurt

Salatherzen waschen und in Streifen schneiden. Butter in einem Topf erhitzen und Salat auf kleiner Flamme anschwitzen bis er zusammengefallen ist aber noch nicht braun wird. Mit der Gemüsebouillon ablöschen und einige Minuten köcheln lassen. Mit dem Stabmixer pürieren, den Orangensaft hinzugeben und mit Pfeffer und Salz abschmecken. Mit einem Löffel Joghurt anrichten.

Salatsuppe mit Orangen

Salatsuppe mit Orangen

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