ethnografische notizen 124: osteria

2 Jan
Der kleinste Pass der Welt, Köln, Januar 2016

Der kleinste Pass der Welt, Köln, Januar 2016

Mein liebster Ort im Restaurant ist der Pass. Jene geheimnisvolle Öffnung zwischen der Welt der Köche und Köchinnen und jener der Gäste. Das Fenster, durch welches das Essen zu mir kommt. Ich für meinen Fall, sehe gern mein Essen kommen und sitze daher am liebsten Richtung Küche. Eine Tatsache, die mir in der Vergangenheit schon großes Glück beschert hat, aber das ist eine andere Geschichte …

Der Pass, so habe ich inzwischen gelernt, ist zumindest auf der Küchenseite niemals groß genug. Schließlich müssen alle Teller durch dieses eine Nadelöhr. Manchmal ist der Pass aber so klein, dass man sich (als Gast) richtig bemühen muss, um ihn überhaupt zu finden. Zum Beispiel in der famosen, wenn auch namenlosen Osteria in der Goltsteinstraße in Köln-Bayenthal. Ein ziemlich unspektakulärer Laden mit einer Eistheke, italienischen Konserven und einer ansehnlichen Auswahl an Wurst- und Käsespezialitäten. An den Wänden große Fotografien von einem Fiat 500 in römischen Kulisse und einem überdimensionierten Pastagericht, ein Kruzifix und drei großen Uhren mit unterschiedlichen Zeitzonen. Auf der Theke ein paar von Weihnachten übriggebliebenen Pannetoni, Tüten mit Biscotti, Cantuccini und Flaschen mit leuchtendgelbem Limoncello. Eine junge Frau fragt, ob es bei sechs Personen bleibe und schiebt in der Ecke zwei Tische zusammen. Die italienische Popmusik im Hintergrund ist mir unbekannt, glücklicherweise scheint die Chefin zu jung für Adriano Celentano oder Milva. Am ersten Tisch sitzen ihre beiden Kinder mit dem Opa und langweilen sich ein wenig. Wir nehmen neben einer Türe Platz.

Erst als ich auf der mit rotem Kunstleder gepolsterten Bank sitze, bemerke ich, dass ich den Pass sehen kann. Dabei handelt es sich allerdings um die vermutlich kleinste Durchreiche der Welt. Akkurat in die Wand geschnitten und mit weißen Fliesen ausgestattet, passen geschätzte 1, 5 Teller gleichzeitig hindurch. Dahinter eine helle Küche, die ich jedoch nicht sehen, sondern nur hören kann. Die junge Frau bringt uns die Speisekarten, bestehend aus vier Seiten mit italienischen Klassikern und den Getränken. Außerdem ein auf dünnem Papier gedruckter Einleger mit weiteren Pizza- und Pastagerichten, der mir für die Briefkastenwerbung konzipiert zu sein scheint. Die Tageskarte befindet sich handgeschrieben auf einer hinter dem Opa angebrachten Tafel. Der nickt mir wohlwollend zu, während ich der anderen Seite des Tisches die Gerichte rezitiere. Wir bestellen sardischen Weißwein und Montepulciano, Bruschetta und gemischte Antipasti. Der kleinere der beiden Jungs ist auf der Bank eingeschlafen, sein älterer Bruder spielt mit dem Handy. Die Mutter nimmt unsere Bestellungen auf und gibt sie auf Italienisch durch den kleinsten Pass der Welt ihrem Mann in die Küche weiter. Auf der anderen Seite beginnt man umgehend mit den Vorbereitungen. Eine Tupperdose mit eingelegtem gegrillten Gemüse wird in die Öffnung gestellt. Dann öffnet sich die Türe und heraus kommt ein italienischer Koch, wie ich ihn beschrieben hätte, hätte man mich gebeten, einen italienischen Koch zu beschreiben. Dunkle Locken – vorne kurz, hinten lang – , ein bisschen Bauch, schwarz-weiß karierte Kochhose, ein weißes T-Shirt und ein Handtuch über der Schulter. Er nimmt die Tupperdose und macht sich mit seiner Frau an die Antipasti. Gemeinsam schneiden sie Salumi und Schinken, arrangieren Bruschette, Gemüse, Caprese und eine Jakobsmuschel mit Oktopus-Salat. Der Opa schaut wiederum wohlwollend zu uns herüber, als wir lobend die Platte leeren. Sein Sohn oder Schwiegersohn ist da schon längst zurück in die Küche und schiebt in enger Taktung Ravioloni mit Maronen und Ricotta in Salbeibutter, Lasagne, Pasta fresca mit Salsiccia, Tomatensuppe, Leber auf venezianische Art mit Spinat sowie Tagliatelle mit Lachs durch die Öffnung in der Wand. Einfach Gerichte in allerbester Qualität – mehr muss an dieser Stelle nicht schreiben. Nach dem Essen bringt uns die junge Frau ein Tablett mit Limoncello. „Darf ich?“, fragt sie und verteilt die halb gefüllten Wassergläser, „Salute!“ „Salute“, sage ich und „Grazie und Arrivederci“ als wir gehen. Durch den kleinsten Pass der Welt winke ich dem Koch.

Für mich als Gast muss die Öffnung nicht besonders groß sein – ein Teller reicht vollkommen aus.

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