ethnografische notizen 123: feste feiern

Man muss die Feste feiern, wie sie fallen ... Köln, Dezember 2015

Man muss die Feste feiern, wie sie fallen … Köln, Dezember 2015

Am 21. August 2015 tranken Freund D. und ich ein Bier auf einem Jahrmarkt, den man anlässlich der Reit-EM auf dem Aachener Katschhof installiert hatte. Das ist an und für sich ja nichts besonderes. Bemerkenswert ist hingegen die Tatsache, dass wir uns a) im Umfeld der Reiterspiele befanden (wo ich mich nicht im allergeringsten für Pferdesport erwärmen kann) und wir b) Bitburger tranken (was ich im wahren Leben für gewöhnlich erfolgreich zu vermeiden weiß). Aber die Sonne schien, die Stimmung war gut und im Hintergrund drehte das bunte Riesenrad seine lustigen Runden. Wie zu solchen Gelegenheiten üblich, machten wir ein Foto (unserer Gläser), das ich mit der lustigen Überschrift „Man muss die Feste feiern, wie sie fallen …“ versah und auf meiner persönlichen Facebook-Seite mit dem Rest der Welt teilte.

Die 15 Likes aus dem In- und Ausland bemüßigten mich in der Folgezeit dazu, ähnliche Bilder zu verbreiten. Etwa am 26. August mit Altbier, am 30. Oktober mit Maßkrügen voll bayerischen Biers oder am 10. September mit zwei Kölschflaschen. Je nach Anlass und Begleitung mit bis zu über 30 Gefallensbekundungen. Was zunächst als unterhaltsame Ansammlung bekannter Biersorten gedacht war, erweiterte ich im Laufe der Zeit auf andere Alkoholika. Etwa auf Champagner, Rosé, Weiß- oder Rotwein und das eine oder andere Likörchen. Auch das wurde zumeist für lustig befunden und entwickelte sich zu einem wahren Selbstläufer – gute Freundinnen und Freunde warten nunmehr geduldig, bis ich mein Handy gezückt habe und hin und wieder werde ich sogar an meine Dokumentationspflichten erinnert.

Seit einiger Zeit jedoch konstatiere ich gelegentlich kritische Untertöne. Damit meine ich nicht die Frage, wann aus einem Spaß eine Zwangshandlung geworden ist. Die einen sammeln Eierbecher oder Wandteller, die anderen eben Einkaufszettel und Prosit-Fotos. Viel interessanter finde ich die subtilen Mahnung und versteckten Hinweise, die mir meist mündlich übermittelt werden. So, als würde ich alle paar Tage, breit wie eine Haubitze, peinliche Nacktfotos von mir selbst posten.

Die Social Media sind eine künstliche Welt mit gemachten Regeln. Die Abbildung von teurem Essen oder billigen guilty pleasures ist erlaubt, ebenso die Empörung jeglicher politischer Couleur. Alkohol gehört, wie nackte Brüste, offensichtlich nicht zur unausgesprochenen Etikette. Zuprosten darf man gelegentlich, keinesfalls aber regelmäßig. Schade eigentlich. Ich für meinen Teil trinke gerne Alkohol. Auch regelmäßig. Ich trinke um den Geschmack eines guten Weins, eines ausgefallenen Biers oder eines selbstgemachten Aufgesetzten, ich trinke auf und mit meinen Freundinnen und Freunden und meiner Familie und ich trinke, weil ich diesen Zustand nach ein, zwei Gläsern sehr schätze. Wenn der Kopf mal locker macht, der Bauch übernimmt und man Dinge denkt und sagt, die man sonst vielleicht nicht denken oder sagen würde. Das möchte ich nicht missen. Nicht im wahren und auch nicht im virtuellen Leben.

In diesem Sinne – auf ein glückliches, gesundes und fröhliches 2016!