Kas|sen|zet|tel 003

30 Dez

Warum Kas|sen|zet|tel? Hier!

Aldi Süd, Köln 2015

Aldi Süd, Köln 2015

Eine Aldi-Filiale im Kölner Norden. Zwei Tage vor Weihnachten im Industriegebiet. Noch ist von der jahreszeitüblichen Einkaufspanik nichts zu spüren. Die Filiale ist fast leer und die Angestellten bestücken in aller Ruhe die Angebotstische mit noch mehr Wildfond, Preiselbeeren, Trüffel-Öl und Orangensenf. Die Produkte sind dem Anlass entsprechend in edlem Schwarz gelayoutet. Die wenigen Kunden im Laden sind hingegen noch nicht besonders festlich gekleidet. Eine etwas verwahrloste Mutter kauft mit ihrer Tochter das Nötige für den Alltag. Brot, Butter, Zwiebeln. Beide tragen weite Jogginghosen und halten sich am Einkaufswagen fest. Vor mir legt eine adrette mittelalte Frau mit kurzer Dauerwelle eine Andrea Berg-Live-DVD auf das Band. Ihr Mann rollt mit den Augen. „Möchtest du ein Snickers, Schatz?“, fragt sie ihn. Schatz möchte nicht und räumt stattdessen die Einkäufe zurück in den Wagen. Milchprodukte, Süßwaren und ein bisschen Wurst. Nach Festmahl sieht das noch nicht aus. Hoffe ich zumindest.

Kassenzettel 003, Köln 2015

Kassenzettel 003, Köln 2015

Im Einkaufswagenunterstand auf dem Parkplatz ist heute noch nicht gekehrt worden. Mutter und Tochter wanken Richtung Straße. Auf dem Boden liegt ein paar Blätter von weit entfernten Bäumen, eine handgeschriebener Einkaufsliste und diverse Kassenzettel. Obwohl oder vielleicht gerade weil so wenig los ist, mache ich ein diskretes Handyfoto und bücke mich möglichst unauffällig nach der Beute. In der Hand halte ich einen dieser überlangen Bons, die man mindestens vier Mal falten muss, um sie ins Portemonnaie zu bekommen. Glatte 25 Euro für 26 Artikel, am 21.12. um 17:17. Glücklicherweise bin ich kein Zahlenmystiker, denke ich. Bezahlt wurde mit EC-Karte, was auf eine nicht allzu alte Person schließen lässt. Der Umfang des Einkaufs lässt vermuten, dass zu Fuß nach Hause gegangen wurde. Keine ganzen Sixpacks im Gepäck, sondern einzelne Flaschen. Das Fleece-Shirt in Unisex-Größe lässt keinen wirklichen Rückschluss auf Käufer oder Käuferin zu. Der Mensch scheint aber Hunger zu haben und die „frische“ Pizza ist vermutlich als erstes dran. Deshalb liegt sie auch ganz vorne. Danach gibt’s ein erstes „feines Dessert mit Sahne“. Die beiden einzelnen Brötchen sind für das Frühstück – dieser Teil der Stadt ist ja nicht für seine besondere Bäckereien-Dichte bekannt. Am nächsten Abend dann Pasta mit Tomatensoße und Käse oder Frühlingsrollen. Rosenkohl und Ananas finde ich hingegen schwieriger zuzuordnen, weil nichts auf dem Bon einen Hinweis auf die weitere Verwendung gibt. Weder auf ein gutbürgerliches Mittagessen mit Wintergemüse noch auf einen tropischen Abend mit Piña Colada. Und auch die Tatsache, dass sowohl Butter als auch Margarine gekauft wurden, macht mich ein wenig stutzig.

Im Ausschlussverfahren eliminiere ich Pizza, Desserts, Margarine, Frühlingsrollen, Weizen- und Weltmeisterbrötchen (sowieso gekauft!) und die Getränke. Es bleiben:

  • Tomaten, gehackt 425 ml
  • Schinkenwürstchen 5 x 50 g
  • Deutsche Markenbutter
  • Gouda mittelalt am Stück
  • Fusilli
  • Rosenkohl 750 g
  • Ananas, Stueck
Ananas, Gouda, Rosenkohl, Wiener Würstchen und Dosentomaten

Ananas, Gouda, Rosenkohl, Wiener Würstchen und Dosentomaten

Mäßig inspirierende Alltagsprodukte, die man in unterschiedlichen Qualitäten überall kaufen kann. Tomaten und Pasta aus Italien, österreichische Würstchen (die dort übrigens Frankfurter heißen), gute deutsche Butter sowie Gemüse und Käse aus den Niederlanden. Zusammen mit einer Ananas steuert man da mehr oder weniger automatisch in Richtung Toast Hawaii. Der bleibt uns aber diesmal erspart, weil mir plötzlich noch die Vadouvan-Curry-Mischung einfällt, die ich unlängst aus der grenznächsten Albert Heijn-Filiale mitgebracht habe. Curry, Wurst, assoziere ich, Currywurst, Soße, Currysoße. Wurst mit Currysoße! Für einen Moment überlege ich, ob ich im Netz nach einem dieser Rezepte mit Cola suchen soll, verwerfe den Gedanken aber wieder, weil’s schade um die Ananas wäre. Die kaufe ich, wie die Würstchen, im Bio-Supermarkt. Während laut Aldi-Information die meisten Ananas aus Brasilien und Thailand kommen, stammt diese aus einer Kooperative in der Elfenbeinküste mit 100 Kleinbauern und 32 Mitarbeitern. Den kleinbäuerlichen Familienbetrieben einen „Zugang zum internationalen Obstmarkt“ zu ermöglichen, kostet mich in diesem Fall einen Aufpreis von 74 Cent. Das sollte es wohl wert sein!

Den einheimischen Rosenkohl mag ich einerseits ganz gerne in der klassischen Version, also eher durch … naja, weich. Andererseits bestand meine erste Aufgabe als Tagespraktikant bei den Profis in der Entblätterung einer ganzen Kiste Rosenkohls zur luftigen Verwendung in der Pfanne. Danach taten mir eine Woche lange die Finger weh. Aber in diesem Fall geht es ja um zwei Portionen und nicht gleich um ein ganzes Restaurant. Die Nudeln passen prima zum Würstchengulasch, weil mir mit den Fusilli die maximale Soßenaufnahmekapazität zugedacht wurde. Bleibt noch der Käse, der sich zunächst so gar nicht in die kreolisch fruchtig-scharfe Hauptachse einfügen will. Und auch hier liegt die Lösung wieder in den Niederlanden. Nicht in Gouda, sondern in Willemstad auf Curaçao. Dort aß ich nämlich einmal ein Gericht namens Keshi Yená (zu Deutsch „gefüllter Käse“), eine Art Auflauf mit Huhn, Tomate, Oliven, Früchten und … Käse.

Wiener Würstchen in Ananas-Curry, Rosenkohlblätter, Fusilli & mittelalter Gouda

  • 5 g frischer Ingwer
  • 1 Knoblauchzehe
  • 1 EL Sonnenblumenöl
  • 30 g Zucker
  • 200 g frische Ananas
  • 1 Dose Tomaten
  • 1 TL Salz
  • schwarzer Pfeffer
  • 1 EL Vadouvan (oder ähnlich milde Currymischung)
  • 1 EL Tomatenmark
  • 4 Wiener Würstchen
  • 10 Rosenkohl-Röschen
  • 30 g frische Ananas
  • Butter
  • 150 g Fusilli
  • 50 g mittelalter Gouda
Wiener Würstchen in Ananas-Curry, Rosenkohl, Fusilli, Gouda

Wiener Würstchen in Ananas-Curry, Rosenkohl, Fusilli, Gouda

Ingwer und Knoblauch fein würfeln und im Öl kurz andünsten. Zucker hinzufügen und leicht karamellisieren lassen. Mit der in Stücke geschnittenen Ananas ablöschen. Tomaten, Currymischung, Salz und Pfeffer hinzufügen. Zugedeckt auf kleiner Flamme eine halbe Stunde köcheln lassen. Pürieren, durch ein Sieb streichen und mit dem Tomatenmark noch einmal kurz aufkochen. Die in Scheiben geschnittenen Würstchen in der Soße warm ziehen lassen, aber nicht mehr kochen lassen. Rosenkohl waschen, die Blätter so weit wie möglich einzeln ablösen und in Butter scharf aber nicht zu lange anbraten. Feingehackte Ananas untermischen und vom Feuer nehmen. Fusilli in reichlich Salzwasser garen und mit dem Wurst-Curry und den Rosenkohlblättern anrichten. Mit geriebenem Gouda bestreuen und sofort servieren.

Kas|sen|zet|tel ist, wie alle Texte auf dieser Seite, ein unabhängiges Projekt, das in keinerlei Abhängigkeit zu den beschriebenen Supermarktketten steht.

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