ethnografische notizen 120: apfelkuchen

1 Dez
Apfelkuchen, Regensburg, November 2015

Apfelkuchen, Regensburg, November 2015

Manche Dinge kennt man schon länger als man denkt. Beispielsweise den Apfelkuchen meiner Freundin M. Zum ersten Mal hörte ich davon, als sie mir im Rahmen eines Interviews berichtete, wie sie mit einem Praktikanten wöchentlich mehrere Kuchen gebacken, an Berliner Cafés verkauft und die in einer Blechdose aufbewahrten Einnahmen gemeinsam mit ihrem Gehilfen bei einem Ausflug ans Meer verjubelt habe. Da kannten wir uns noch nicht besonders gut und es dauerte eine Weile, bis wir begriffen, dass wir sowohl zur selben Zeit in Berlin wohnten als auch im selben Café verkehrten. Sie als Lieferantin für, ich als Kunde von Apfelkuchen. Die Welt ist klein im Städtedreieck Berlin, Regensburg und Aachen.

Jetzt, ein knappes Jahr später, bin ich wieder vor Ort. Um das Interview zu beenden. Außerdem sind wir mittlerweile gut befreundet. Nach der Ankunft drückt sie mir ein Messer in die Hand. Weil sie gerade ein kleines motorisches Problem mit der linken Hand hat und weil es einfach schön ist, an einem Tisch zu sitzen, zu reden und Äpfel zu schälen. In beidem haben wir offensichtlich Ausdauer, aber irgendwann ist das Obst geschnitten. Es gibt Leberknödel und Tellerfleisch. Die kenne ich schon vom letzten Mal und freue mich. Unter dem Apfelkuchen kann ich mir hingegen noch nicht so recht etwas vorstellen. „Ein hauchdünner Boden, fast wie Apfelstrudel“, hatte ich im Interview nachgelesen. Und dann, ziemlich geheimnisvoll: „Es gibt ja so Kuchen, da fällt einem der Teig nicht auf, aber ohne diesen Hauch von Teig, würde es diesen Kuchen nicht geben.“ So ist sie, meine Kuchenfreundin.

Fleckerln auf Apfelkuchen, Regensburg, November 2015

Fleckerln auf Apfelkuchen, Regensburg, November 2015

Nach dem Essen kneten wir einen Teig aus doppelgriffigem Mehl, Mehldunst genannt „Da wird’s schon schwierig“, sage ich, „das kennt bei uns kein Mensch.“ Wir prüfen die Konsistenz und walzen den Boden mit einem kugelgelagerten Teigroller in einer Paellapfanne. Wir schichten die Äpfel, wir bestreuen mit Zimt und Zucker und bedecken vorsichtig mit dem zu Fleckerln gewalzten restlichen Teig. Während der Kuchen im Rohr ist – der geneigte Leser bemerkt an dieser Stelle, dass ich redlich bemüht bin, den lokalen Kolorit der ganzen Gschicht einzufangen – reden wir weiter. Über Essen. Über was sonst! Mit vereinten Kräften wuchten wir die schwere Pfanne auf den Herd und warten ungeduldig, bis der Kuchen soweit ausgedampft ist, dass man ihn versuchen kann.

Zimtzucker auf Apfel, Regensburg, November 2015

Zimtzucker auf Apfel, Regensburg, November 2015

Da ich aus Nicht-Strudel-Land komme, habe ich keinen wirklichen Vergleich zur besagten Mehlspeis, den Kuchen aber finde ich auch ohne Referenzpunkt ziemlich famos. So famos, dass ich bei meiner Abfahrt zwei Tage später nur noch einen kleinen Rest auf der Anrichte zurücklasse.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: