ethnografische notizen 118: ein koffer voll marmelade

27 Nov

Ab Frankfurt Flughafen sitze ich im ICE neben einer älteren, nicht uneleganten Dame. Sie trägt einen schwarzen Rock und eine eierschalfarbene Strickjacke aus dickem Garn mit leicht folkloristischem Touch. Auf dem Boden ein nietenbesetzte Handtasche, am Haken eine schlichte schwarze Jacke. Sie nickt mir freundlich zu, als ich mich und meinen Laptop installiere. Während ich vor mich hin tippe, liest sie ein russisches e-Book und schaut hin und wieder aus dem Fenster.

Als wir nach kurzem Halt in Würzburg wieder losfahren, wird sie plötzlich nervös. Sie müsse nach ihrem Koffer schauen, sagt sie, ob ich sie bitte herauslassen möchte. „Das ist definitiv kein russischer Akzent“, denke ich. Aufgeregt läuft sie Richtung Ausgang, kann ihr Gepäck aber nicht finden. Eine hessische Freundinnengruppe in praktischen Kurzhaarfrisuren und Funktionsjacken, vermutlich auf dem Weg in ein Weihnachtsmarkwochenende, lacht. Ich stehe auf und gehe zu ihr. „Wie sieht ihr Koffer denn aus? Wollen wir zusammen suchen?“ „Braun“, sagt sie und folgt mir zur anderen Seite des Waggons. Dort finden wir das gesuchte, übrigens violette Gepäckstück. Erleichterung. „Wollen wir den Koffer mitnehmen und oben ins Gepäckfach legen?“, frage ich. „Der ist viel zu schwer“, sagt die Dame, „der ist ja voll mit Marmelade.“ Zurück am Platz erzählt sie mir, welcher ihrer acht Enkel gerade Geburtstag habe, dass sie deshalb gerade auf dem Weg nach Plattling und der Koffer darum voller Mitbringsel sei. „Nix soll ich mitbringen“, sagt sie, „nur selbstgemachte Marmeladen.“ Ich hoffe insgeheim auf ein Glas Marmelade aus dem Koffer, bin hin und her gerissen zwischen der interessanten Geschichte und dem Arbeitspensum, das ich mir bis Regensburg vorgenommen habe. Die Dame spricht in einem „stream of consciousness“ der William Faulkner hätte erblassen lassen. Dass die Kinder sie nicht bitten täten, wenn das Geld knapp sei und dass sie deshalb immer die jüngste Enkelin am Telefon fragen würde, ob noch was im Kühlschrank sei. Dass sie selbst mit dem Austragen vom Amtsboten und ein bisschen Putzen 1.000 Euro im Monat verdiene, aber wieder verheiratet sei. Ihr Mann sei LKW-Fahrer und fände, dass das zusätzliche Geld nur ihr zustehen würde. Dass er einen eigenen Obstgarten habe und dass sie deshalb neben der Marmelade auch Pflaumenkompott und auf der Elektroheizung getrocknete Apfelschnitze dabei habe. „So“, sage ich schließlich schweren Herzens, „jetzt muss ich noch ein bisschen arbeiten.“ „Du bist ein Schatz“, sagt die Dame und legt mir die Hand auf den Arm.

„Jetzt muss ich doch mal nachfragen, wo Sie herkommen“, sage ich, bevor ich in Regensburg aussteige und in den verbleibenden Minuten geht es einmal quer durch den eurasischen Kontintent. Aus Kasachstan stamme sie, später Sibirien. Deutschstämmig, die Urgroßmutter eine gebürtige Gräfin von Pappenheim. „Unser Schloß war bei Augsburg“. Für einen Moment überlege ich, ob ich nicht einfach bis Passau weiterfahren soll. „Und deshalb sind wir eigentlich einfach Bayern.“

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