ethnografische notizen 111: foodcamp oberpfalz (2/9) – zoigl

15 Nov

„Was ist typisch für die Region?“ ist die Frage, die ich mir für die kommenden Tage in den Kopf gesetzt habe. Den Terroir-Gedanken möchte ich ausreizen – hier im östlichen Winkel Bayerns, von dem ich bislang nur das Oberzentrum Regensburg kenne. Gibt es eine spürbare Verbindung zwischen dem Ort, an dem wir uns befinden und dem Essen, das wir vor uns auf dem Teller haben? Was sind die Bindeglieder der Kette aus Landschaft, Menschen, Traditionen, Produkten, Gerichten und Geschmack?

Zoiglstube Schoilmichl in Neuhaus, November 2015

Zoiglstube Schoilmichl in Neuhaus, November 2015

„80 Minuten Fahrt“, lautet die Durchsagen, als wir alle im Bus sitzen. Wir verfolgen die Fahrt nach Windischeschenbach über das Navi des Fahrers auf den Bildschirmen. Ich döse ein. Draußen dämmert es. Als ich wieder wach werde, rangieren wir durch die schmalen Straßen der Ortschaft. Eine Taverne namens Sirtakis gibt es hier, eine Biobäckerei und einen Army-Store. Außerdem ein Laden für Eisenwaren und Geschenkartikel, so wie sich das fürs Land gehört. Wir drehen am Ende der verkehrsberuhigten Zone und fahren weiter ins Nachbardorf Neuhaus. Ein braunes Schild am Ortseingang zeigt einen Braukessel und die Aufschrift „Zoigl-Kultur“. M. erläutert das Prinzip über das buseigene Mikrofon. „A Säugel is most authentic“, sagt er, „nobody pays big money for marketing. It just works.“ Interessanterweise ist es unser Amerikaner aus Boulder, Colorado, der am besten erklären kann, was wir gleich sehen werden. Vorbei an einer schmalen Straße namens Heimatweg und dem Schild eines Discounters mit der Aufschrift „neue Backkultur“ fahren wir in den Ortskern und werden vor dem Kommunalen Brauhaus aus dem Bus entlassen.

Kommunbrauhaus in Neuhaus, November 2015

Kommunbrauhaus in Neuhaus, November 2015

Ein einfacher, zweckmäßiger Raum. Laut Inschrift zuletzt im Jahr 1993 saniert. Dazu passen die bahamabeige-farbenen Fliesen an der Wand. In den Schlaufen eines an der Wand hängenden Schlauches hängt ein Kruzifix, am Tor ein Hufeisen. „Das Braustüberl ist ebenfalls feucht zu wischen“, lautet Regel Nr. 5 der angeschlagenen Hausordnung. „Machen Sie am besten die Türe zu“, sagt der Enddreißiger, der uns die Einrichtung zeigt, „dann ist es nicht so kalt hier drin.“ Er werde versuchen, uns etwas zu erklären, sagt er, „über die Kunst hier a Bier zu broahn.“ Metzger ist er im Hauptberuf und eigentlich kein Braumeister. „Das habe ich von meinem Vater übernommen und der hat’s eigentlich auch nicht gelernt.“ Weil nämlich hier im Kommunbrauhaus nur brauen darf, wer ein Haus mit entsprechenden historischen Braurechten und damit Anteile an der Produktionsstätte besitzt. „Jeder der meint, die Fähigkeit zu haben ein Bier brauen zu können, der darf das.“ Seit 1425 ist das hier in Neuhaus so geregelt. Derzeit gibt es 25 Anwesen, für die das Braurecht höchst grundbuchamtlich verzeichnet ist. Ein Privileg, das weder übertragen noch verkauft werden kann – es sei denn mit dem Haus selbst. Ob denn auch mal entsprechende Immobilien zum Verkauf stünden, wollen wir wissen. Und ob es denn nicht sofort Craftbeer-Hipster bieten würden, um endlich ihre eigene Brauerei betreiben zu können. „Es is a Arbeit“, sagt der Braumeister, der keiner ist, und lacht. Und wir alle verstehen, was er damit sagen will. Das Bier wird im Kommunbrauhaus gebraut, dann nach Hause verbracht und dort vergoren und auch ausgeschenkt. Alles andere sei nicht echt, sagt der Metzger. „not authentic“, würde M. sagen. Der Name Zoigl komme von „zeigen“, nämlich die Tatsache, dass es wieder Bier gibt im eigenen Keller. Mit einem Zoiglstern, dem alten Zunftzeichen der Brauer (ein Dreieck für die Zutaten Wasser, Hopfen und Malz und ein weiteres für die benötigten Elemente Wasser, Luft und Feuer), einem Besen oder einer Mönchsfigur im Fenster, die so gedreht wird, dass sie rausgucken kann, wenn geöffnet ist. Rundum und der Reihe nach, alle 4 bis 5 Wochen, jeweils von Freitag bis Montag. „Gibt es auch experimentierfreudige Familien? Macht hier jemand zum Beispiel Hopfenstopfen.“ Der Braumeister lacht. „Habe ich auch schon gemacht“, sagt er, Aber die Leute erwarten ein bestimmtes Bier von gleichbleibender Qualität. Das sei durchaus eine Herausforderung. „Wir bringen’s auch nicht immer gleich z’sammen.“ Jede Familie hat ihr eigenes Rezept. „Es gibt keiner recht preis, wie er’s macht.“

Zoiglstube Schoilmichl in Neuhaus, November 2015

Zoiglstube Schoilmichl in Neuhaus, November 2015

Wir ziehen weiter in die benachbarte Zoigl-Stube namens Schoilmichl. Eine steile Treppe hinunter geht es in einen ziemlich vollen Gewölbekeller mit ziemlich gemischtem Publikum. Alt und jung, tätowiert oder nicht, mit konventionellen oder Hipster-Schnurrbärte. Glücklicherweise ist hintendurch noch Platz für uns 30. Denn in einem Zoigl kann man nicht reservieren. Nicht einmal für den Regierungspräsidenten, wie uns stolz berichtet wird. An den Wänden hängen Tafeln mit Sinnsprüchen, ein mit künstlichem Tannengrün dekoriertes Kummet und eine Gruppenfoto der Herrengymnastikgruppe DJK Neuhaus auf bunten Sitzbällen. „Willst Du können wie ein Stier, musst du trinken Manfreds Zoigl-Bier!“ lese ich auf einem handgeschriebenen Plakat auf dem Weg zum WC. „Zoigl is a Lebensart“, sagt ein Einheimischer, der aus nicht ganz klaren Gründen mit seiner Frau zu der Gruppe gestoßen ist, „wir machen nix anderes am Wochenende.“ Die Wirtin stellt uns volle Krüge auf den Tisch. Ein halber Liter kostet hier 1,80. „Wollt’s Ihr was essen?“, fragt sie. Das Bier ist leicht trübe und schmeckt nach dem anstrengenden Tag wunderbar süffig, aber nicht zu süß. „Neuheuser Zoigl ist herber als das aus Windischeschenbach“, sagt der Bierbraumetzgermeister. „Sind die Würste hier von Ihnen“, frage ich. Er schüttelt den Kopf. „Die gibt’s bei uns im Zoigl“, erklärt er, „da muss ich immer ein bisschen vorarbeiten.“ Man freue sich drauf, aber hinterher sei man auch froh, wenn’s wieder vorbei sei.

„Es is a Arbeit“, denke ich und nehme einen tiefen Zug aus dem Glas.

Eine Antwort to “ethnografische notizen 111: foodcamp oberpfalz (2/9) – zoigl”

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  1. Foodcamp Oberpfalz #fcoby No. 1 | mycookingloveaffair.de - 20. Dezember 2015

    […] hier hat Johannes Arens einen wundervollen Beitrag […]

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