ethnografische notizen 110: foodcamp oberpfalz (1/9) – foodblogger

15 Nov
Foodcamp Oberpfalz - Restaurant Storstad Regensburg, November 2015

Foodcamp Oberpfalz – Restaurant Storstad Regensburg, November 2015

„Die Einkäufer gehen jetzt mal in die Stadt“, postet unser Koordinator in der What’sApp-Gruppe, „wir melden uns zwischendrin.“ Es folgen emsige Bestellungen für das gemeinsame Kochen an den kommenden Abenden. Wurzeln jeglicher Art, Blutwurst und Speck werden verlangt, Enten, Quitten Ziegen und Schwarzwurzeln. „Am besten einmal alles kaufen“, kommentiere ich und frage mich, wie aus der ganzen Aufregung ein einigermaßen stringentes Essen für eine doch ziemlich große Gruppe entstehen wird.

Vermutlich wird auch dieses Problem per Social Media gelöst werden. Die Planung der gesamten Veranstaltung lief im Vorfeld über Facebook. Komplett papierfrei, so dass ich am Vorabend plötzlich die Befürchtung hatte, dass sich die ganze Chose bei der Ankunft als Scherz erweisen würde. Tut sie dann aber nicht, die Teilnehmer und Teilnehmerinnen sind ganz real. Viele kennen sich aus den Veranstaltungen der vergangenen Jahre in Italien, Spanien und Franken. Unser aller Smartphones aber behalten ihre zentrale Rolle an diesem ersten Vormittag und als wir zum Lunch im Restaurant Storstad ankommen, gibt es einen ersten Rückstau, weil alle erst einmal ein Foto durch die Glasfront in die Küche machen wollen.

„Hast Du einen Charger dabei?“, fragt eine Teilnehmerin ihrer Tischnachbarin. Es ist gerade mal 13.00 Uhr und der Strom wird schon knapp. Man behilft sich gegenseitig. Die gesamte Gruppe gerät in Wallung als die ersten Grüße aus der Küche serviert werden. Eine Maispraline mit flüssigem Kern und Koriandermayonnaise. „Es ist so angenehm, mal nicht erklären zu müssen, warum man das erst mal alles fotografieren muss“, sagt meine Tischnachbarin und rückt die Teller zurecht. „Darf ich das mal hierhin stellen?“.

Es folgt eine Paprikasuppe im Jenaer Glas. „Wie bekommt man den Fisch denn in so eine Konsistenz“, frage ich mich als ich die feingeschnittenen Streifen auf dem Salat von schwarzen Linsen probiere und brauche ein bisschen, bis ich verstehe, dass es sich um Seitling und nicht um Saibling handelt.

„Was ist denn das Weiße?“, fragt jemand anders. Ich beschließe, nicht mehr zu versuchen, sämtliche Komponenten zu notieren, sondern mache stattdessen ein Foto der Speisekarte mit den Basisangaben. „Drei Zutaten müssen genug sein“, denke ich, „alles andere geht auch geschmacklich unter.“

„War’s gut gewesen“, fragt eine Servicekraft mit dem unvergleichlichen süddeutschen Hang zum Plusquamperfekt. Sie trägt ein knielanges graues Kleid mit weißem Banderl, ihre männliche Kollegen weiße Hemden, Jeans und geknöpfte Hosenträger.

Sie serviert uns Sake. Eine ganze Phalanx von Kellnerinnen und Kellnern bringt Fjordforelle, angegrillte Jakobsmuschel und marinierte Sternfrucht. Den Rest habe ich instant schon wieder vergessen. Ich spüre die vorangegangenen Gläser Champagner auf der Außenterrasse mit Blick über Regensburg. Unter dem Tisch verhaken sich die Ösen meiner Wanderschuhe und ich nehme mir vor, auf dem Gang zum WC besonders vorsichtig zu sein.

Mein Tischnachbar spricht von den verschiedenen Salzigkeiten der Gerichte, was ich sehr poetisch finde. Hinter uns zerbricht ein Glas. Die Kellnerin bringt ein neues und serviert ein Pale Ale. „Regionaler geht’s nicht“, sagt sie, „die Brauerei ist gerade mal 200 Meter von uns entfernt.“ Die Flasche wird zu fotografischen Zwecken herumgereicht. „Unsere Wurzeln liegen tief in der bayerischen Braukunst verankert.“

Zur irischen Ente gibt es Spätburgunder von der Ahr. Ein Kollege am Nachbartisch zieht die Brille aus, um seine Nase tiefer in das Glas stecken zu können, die Servicekräfte wischen die Krümel vom Tisch und falten die Servietten. Als sie den Nachtisch servieren werden ihnen Smartphones in Diktierfunktion entgegengehalten. „Mit dem Licht ist das ein bisschen gemein“, sagt eine Teilnehmerin und trägt, die Kamera in der Hand, ihre Portion kurzerhand ans Fenster. Beifall als der Koch kommt. „Ich wünsche Euch geile Tage im Foodcamp“, sagt er.

Eine Antwort to “ethnografische notizen 110: foodcamp oberpfalz (1/9) – foodblogger”

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  1. Foodcamp Oberpfalz #fcoby No. 1 | mycookingloveaffair.de - 20. Dezember 2015

    […] Was wir genießen durften seht Ihr nachfolgend, ausführlich beschrieben haben dies bereits Stevan Paul, Uwe Spitzmüller und der grossartige Johannes Arens. […]

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