ethnografische notizen 109: #nohogesa

31 Okt
Restaurant in Köln-Deutz, 25.10.2015

Restaurant in Köln-Deutz, 25.10.2015

Während der rechtsradikale Pöbel sich auf dem Barmer Platz einfindet, sammeln sich die Gegendemonstranten auf der anderen Rheinseite. Der Heumarkt ist voll. „Ungewohnt, so ganz ohne was zu trinken“, sage ich. Normalerweise haben wir an diesem Ort ein Getränk in der Hand, ein Bier am CSD zum Beispiel, einen Grauburgunder auf dem Weinfest oder einen Aperitiv beim Diner en Blanc. Heute aber geht es mal nicht ums Trinken, sondern um mehr – um ein Zeichen gegen Intoleranz und Rassismus. Deshalb stehen die Leute auf dem Heumarkt im einsetzenden Regen – ganz ohne Bier in der Hand. Eine knappe Stunde später ziehen wir über die Brücke Richtung Ottoplatz, vorbei am griechischen Restaurant Oase und am kurdischen Bona’Me. Ein bisschen unwohl ist uns zunächst, geschätzte dreihundert Meter von rund 1.000 gewaltbereiten Rechtsradikalen auf dem Barmer Platz. Die haben, so lesen wir auf Twitter, eineinhalb Stunden lang ziemliche Probleme, 50 Ordner zu benennen, die nicht vorbestraft und nicht alkoholisiert sind. Die rund 10.000 Kölnerinnen und Kölnern auf der anderen Seite des Deutzer Bahnhofs werden nicht kontrolliert, scheinen aber vorerst – trotz Höhner-Auftritt – eher auf Kaffee aus zu sein. Da es immer schwieriger wird, in den Bahnhof hinein zu bekommen, ziehen große Gruppen Richtung Deutzer Freiheit. „Liebe Gäste“, steht auf der Tafel draußen an einem Restaurant auf dem Weg, „wegen der Demo am Barmerplatz bleibt unser Lokal am Sonntag, den 25.10.2015 geschlossen!“ Nachdem im letzten Jahr noch nach den Krawallen eine Bäckerei in der Innenstadt geplündert wurde, geht man in diesem Jahr auf Nummer Sicher. Zumindest im Steakhouse. Vor der Tchibo-Filiale und dem Backwerk stehen hingegen lange Schlangen. Wir gehen ein paar Meter weiter zur Deutzer Filiale der Bäckerei Hütten. Die Demonstranten vermischen sich mit dem regulärem Sonntagspublikum, das hier seinen Kuchen holen kommt. Wir essen ein Frikadellenbrötchen, Muzen, Mandelhörnchen und Apfelkuchen. Dazu gibt es Kaffee auf der Straße. Zurück am Ottoplatz positionieren wir uns an der Seite vor der Cantina Mexicana. Wir beschließen, dass es Zeit für ein Getränk ist. Auch die Cantina steigert heute ihren Jahresumsatz. „Einen Cappuccino bitte“, sagt die Frau vor uns zur Servicekraft hinter der Theke. Die schüttelt den Kopf. „Haben wir nicht.“ „Ach dann“, sagt die Kundin, „dann nehme ich eben einen Rotwein.“ Draußen auf der Bühne erzählt Krätzchensänger Ludwig Sebus von Köln nach dem Krieg.

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