ethnografische notizen 105: dibbelabbes

16 Sep
Dibbelabbes im Saarbrücker Restaurant La Bastille, September 2015

Dibbelabbes im Saarbrücker Restaurant La Bastille, September 2015

Dibbelabbes, so heißt es in meinem saarländischen Kochbuch, sei zwar auch im Rheinland bekannt, im Saarland hingegen gehöre er aber zum festen Bestandteil des Kochprogramms und sei als Nationalgericht anzusehen. Dibbelabes war mir persönlich aber aus dem Rheinland gar nicht bekannt und auch aus dem Saarland nur über die Erzählungen meiner Mutter. Er habe erst 70 Jahre alt werden müsse, sagt mein Vater, bevor er dieses Nationalgericht der Heimat seiner Frau habe kennen und schätzen lernen dürfen. Sie habe das Gericht nie gekocht, sagt meine Mutter, da sie davon ausgegangen sei, dass es ihm nicht schmecken würde. Nach knapp 45 Jahren Ehe ist nun aber auch dieses Missverständnis gelöst und ab und an gibt es im Hause meiner Eltern Dibbelabbes – jenes saarländisches Nationalgericht aus Kartoffeln, Zwiebeln, Lauch und Dörrfleisch.

Und weil ich mich, je älter ich werde, mehr und mehr für meine kulturellen Wurzeln interessiere, suche ich Kraft meines Amtes als Organisator des jährlichen Familienausflugs ins kleinste Flächenbundesland ein Restaurant mit entsprechenden Spezialitäten. Die Googlesuche „Saarbrücken+Restaurant+saarländisch“ ergibt als einen der ersten Treffer das Restaurant „La Bastille“ in der Kronenstraße am St. Johanner Markt. Das liegt nicht nur günstig, sondern sieht auf der Website nett aus und bietet laut Website Deutsch-Französische Küche mit Saarländischen Spezialitäten. „Reservieren?“, sagt mein Vater, „das machen wir doch auf gut Glück.“ „Lieber nicht“, antworte ich, „hierzulande gehen die Leute doch etwas häufiger essen und man wird vermutlich auch an einem Samstagmittag besser reservieren.“

„Einen Tisch für fünf Personen um halb zwei?“, sagt die freundliche Frau, deren dicken saarländischen Akzent ich nur stümperhaft transkribieren könnte und stattdessen der Phantasie der Leserinnen und Leser überlasse, „das wird aber schwierig.“ Nach einem bisschen freundlichen hin und her ist dann aber eine halbe Stunde später doch noch ein Tisch zu haben. Wir parken auf der anderen Seite der Saar und als ich aussteige, blicke ich direkt auf die Angebotstafel eines anderen Lokals: Bibbelches Bohnensuppe mit Wiener, Nachschlag und Kuchen für € 5,90. Für einen Moment zweifele ich, die richtige Wahl getroffen zu haben, denn auch die legendär saarländische Kombination von Schnippelbohnensuppe mit Pflaumenkuchen kenne ich bislang nur vom Hörensagen. Doch am St. Johanner Markt beruhigt mich das große Kunststoffbanner mit der Aufschrift „Dibbelabbes“.

Als die Kellnerin uns die Speisekarten bringt, bekommt meine Mutter wieder diesen Glanz in den Augen – obwohl sie auch diesmal, wie eigentlich immer, nichts saarländisches bestellt. Aber man könnte ja. Spezialität des Hauses ist, wer hätte das gedacht, Dibbelabbes. „Typisch saarländisch aus eigener Herstellung“, lese ich, „kleine Wartezeit … es lohnt sich!“ „Na dann werden die anderen eben warten müssen“, denke ich und bestelle „Dibbelabbes Maison“ mit Apfelmus UND Salat. Ich bekomme einen Teller mit einer ziemlich großen Portion Kartoffelgericht, das ein bisschen wie ein Kaiserschmarrn zerpflückt wurde. „Die Kartoffelmasse wird in der Pfanne ständig gewendet, damit sich beim Backen viele kleine Krüstchen bilden“, lese ich in der Karte.

„Hatte das denn auch eine ordentliche Kruste“, fragt meine 87-jährige saarländische Tante streng, als ich ihr später vom Mittagessen erzähle, „manche können das ja nicht richtig. Da wird das so eine undefinierbare Masse!“ „Alles gut“, beruhige ich die Königin der saarländischen Kartoffelgerichte, „die kleine Wartezeit hat sich gelohnt. Beim Papa hat das länger gedauert.“

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