ethnografische notizen 102: boulets de liège

28 Jun
Boulets de Liège im Restaurant Lequet – Lüttich, Juni 2015

Boulets de Liège im Restaurant Lequet – Lüttich, Juni 2015

Weil alle nach dem strammen Exkursionsprogramm Hunger haben, finden sich die Studierenden außerordentlich pünktlich vor dem Restaurant ein. „Wir sind die Gruppe von der Uni Regensburg“, meldet uns Kollege F. in seinem von jahrelangen Urlauben provenzalisch gefärbten Französisch, „wir haben für 35 Personen reserviert.“ Der Wirt, der ein wenig an den Butler aus „Dinner for One“ erinnert, antwortet etwas Unverständliches. „Scheint zu klappen“, sagt F., der nach der telefonischen Reservierung befürchtet hatte, dass wir lost in translation sein könnten. „Wir sind hier in Belgien“, beruhige ich ihn, „da läuft nicht alles immer so, wie man es geplant hat, aber es gibt immer eine Lösung!“ Vorläufig aber gibt es keine Überraschungen und wir verteilen uns auf die einfachen Holztische. Freund J. und Freundin C., meine Lütticher Gewährspersonen, erscheinen und wechseln zunächst ein paar Worte mit dem Wirt. „Wenn Ihr eine fundierte Antwort auf Fragen zur Euregio haben wollt“, sage ich zu der Gruppe, „dann müsste Ihr die beiden hier fragen.“ „Drink?“, fragt die Kellnerin und nimmt die Getränke auf. Die meisten bestellen Bier, Jupiler, das in geriffelten und für Bayern in unvorstellbar kleinen Gläsern kommt. Dass wir am Vormittag an der Brauerei vorbeigefahren seien, erkläre ich. „Jupille ist ein Vorort von Lüttich. Aber da habt Ihr alle geschlafen …“

„Was ist denn hier ein traditionelles Gericht?“, fragen mich die Studierenden. Ich nehme einen der Plastikaufsteller in die Hand und erkläre die Speisekarte. Es gibt Boulets de Liège, dicke Fleischklöpse mit Soße, dazu Fritten und Mayonnaise. Wahlweise auch Salat oder Kompott. Für die Essensbestellung kommt wieder der Chef persönlich. J. bestellt Rognon de veau, Kalbsnieren in Senfsoße. „Nicht, dass die das jetzt alle wollen“, sagt der Wirt besorgt, „ich hab da keine 30 Portionen von.“ Aber auch unter bayerischen Studierenden sind Innereien nicht sonderlich beliebt und es bleibt bei einem Teller. Nach den nächsten Bestellungen mit und ohne Salat winkt der Wirt ab, dass müsse er sich doch aufschreiben. „Ich mache das schon“, sagt C., besorgt sich einen Block und eine Kugelschreiber und geht von Tisch zu Tisch.

Einfach aber authentisch könnte man das „Restaurant Lequet – Chez Stockis“ beschreiben. Vor uns Tischsets mit einer französischsprachigen Werbung für einen Urlaub mit Neckermann. An den Wänden alte Plakate, alte Ansichten von Lüttich und Fotografien von Georges Simenon. Mir wird ein großer Teller mit zwei dicken Boulets durchgereicht. Glänzende, dunkelbraune Soße und fingerdicke Fritten, die offensichtlich nicht von einer Maschine geschnitten wurden. „Eins“, sagt der Wirt und lacht als er die einfachen Portionen verteilt. „Zwei.“ Er spricht die deutschen Zahlen in einem zackigen Tonfall aus und es scheint, dass seine Deutschkenntnisse aus Filmen über Nazideutschland stammen. Es gibt eine große Schüssel Salat für alle und eine kleinere mit selbstgemachter Mayonnaise. „Sehr gut“, seufzt Kollege S. neben mir zufrieden und konzentriert sich auf seine Soße. „Sagt man in Deutschland eigentlich Belgier oder Belger?“ fragt mich ein Student am Tisch hinter mir. Ich verstehe die Frage zunächst nicht. „Mit oder ohne ‚i’?“, will er wissen und erklärt mir, dass man daheim in Bayern beides sage. „Ohne ‚i’ habe ich noch nie gehört“, sage ich und es wird mir wieder einmal deutlich, wie weit weg Regensburg doch eigentlich ist. „Die Soße war etwas süß“, konstatiert ein anderer, betont aber sofort, dass das Fleisch gut gewesen sei. Ich erkläre die wichtigsten Zutaten – Bier und Apfelkraut. Letzteres ist in der Oberpfalz offensichtlich nicht bekannt. „Wenn ihr jetzt davon erzählt, wissen die Leute jetzt immer, dass ihr in Lüttich wart“, erklärt C., „anderswo in Belgien heißt das nämlich boulette. Nur hier sagt man boulet – die Lütticher haben ja gerne ordentliche Portionen.“

Als alle fertig sind, beschließen wir, einen Umweg über die Treppenstraße Montagne de Bueren zu machen und den Abend dann in der Taverne St. Paul ausklingen zu lassen. „Ein Tisch = 1 Rechnung“ steht unten auf den Speisekarten und wir instruieren die Gruppe, doch bitte per Tisch zu bezahlen. Aber der Wirt ist schneller und überreicht uns eine einzige Rechnung für alle. Es folgen rund 15 Minuten des engagierten Geldwechsels. Scheine und Münzen werden hin und her geschoben, bis die Gesamtsumme erreicht ist. Der Wirt lacht als wir gehen. „Ich wusste nicht, dass Deutsche so schnell sprechen können.“

2 Antworten to “ethnografische notizen 102: boulets de liège”

  1. Joseph Vromans 28. Juni 2015 um 21:56 #

    Hast Du wieder schön gemacht, Johannes!

    Liebe Grüße aus Lüttich,

    J&C

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