ethnografische notizen 101: dîner en blanc

21 Jun

„Hoffentlich kommen da viele nette Leute“, sage ich zu P., als wir mit drei großen Tüten und einem Klapptisch an der Haltestelle auf die 13 warten. „Wie meinst Du das?“, fragt er. „Naja, was, wenn da mehr so snobby Typen sind“, sage ich und sortiere die Tupperdosen mit diversen Zutaten für unseren Caesar’s Salad. Wir sind auf dem Weg zum Dîner en blanc, bei dem sich Menschen im Internet für ein großes Picknick verabreden. Drei Gänge soll es geben, heißt es in der Anleitung auf Facebook, außerdem mitzubringen sind Tische, Stühle, Geschirr, Gläser, Besteck und Wunderkerzen. Also alles, was man so braucht für einen gediegenen Flashmob. Bei diesem handelt es sich um meinen ersten und somit auch um mein Debut beim Dîner en blanc. Die zwei Jungs auf dem Bahnsteig gegenüber rotzen auf die Gleise und starren uns an. Weniger wegen des vielen Gepäcks, sondern vielmehr aufgrund der Tatsache, dass wir beide komplett weiß gekleidet sind. Vielleicht die wichtigste Regel heute Abend – bis auf Speisen und Getränke sollte alles weiß sein, Eierschale toleriert. Die Bahn kommt und wir machen uns auf zum vereinbarten Treffpunkt. 19:45 am Gürzenich.

Goldrandgeschirr – Dîner en Blanc, Köln 2015

Goldrandgeschirr – Dîner en Blanc, Köln 2015

Dort warten bereits diverse Teiltruppen, die in den meisten Fällen noch einen kleinen Mindestabstand zueinander wahren. Zwischen den zahlreichen Junggesellenabschieden fallen wir hier am Rande der Altstadt nicht mehr sonderlich auf. Freund M. winkt uns zu sich, seinem Klappstuhl und zwei Fahrradtaschen. Überall werden Stühle und Tische noch einmal festgezurrt – noch weiß keiner, wo die Reise enden wird, da der Austragungsort der Spiele erst kurz vor Start bekanntgegeben wird. Ein älterer, nicht mehr ganz nüchterner Herr mit einer roten Nase fragt mich, was wir denn hier eigentlich tun. „Ein großes Picknick“, erkläre ich ihm und dass wir uns im Internet dazu verabredet hätten. „Aha, ein Flashmob also“, sagt er und wünscht uns viel Spaß. Freunde S. und A. kommen mit dem Bollerwagen um die Ecke – unsere Einheit findet sich zusammen. Sieben Personen sind wir, die in den vorangegangenen Wochen in diversen Listen und Online-Aufzählungen versucht haben, zu klären, wer jetzt genau für was verantwortlich ist. Eine junge Frau mit einem großen weißen Hut hat offensichtlich das Heft in der Hand und verteilt kopierte Zettel. Unser Ziel ist der Heumarkt, lesen wir, Aufstellung ab Statue Friedrich Wilhelm III in Richtung Alter Markt. Aus einem Megafon ertönt ein Halali und rund hundert weißgekleidete Menschen schleppen ihr Gepäck die Straße hinunter. Bollerwagen rappeln über Kopfsteinpflaster und die ersten Kontakte werden geknüpft.

Flashmob – Dîner en Blanc, Köln 2015Unten angekommen formieren sich in wenigen Minuten zwei ordentliche weiße Tafelreihen aus dem unübersichtlichen Chaos. Ich bin etwas überfordert und lasse die anderen machen. Tische werden aneinander geschoben, Tischdecken ausgebreitet, Porzellan eingedeckt und Kerzen angezündet. Hinten links wird bereits der erste Gang serviert. „Erst mal runterkommen“, sagt P. und schenkt uns den Aperitif ein. „Le Goût d’Autrefois“ steht auf dem hübschen Etikett mit den gezeichneten Zitrusfrüchten. „Blanc Limé“, eine Art Kalte Ente mit Sauvignon Blanc aus dem Bordeaux. Pe. und G. reichen sattorangenfarbene Melone mit hauchdünnem Prosciutto. Die Tischgespräche wachsen über Teller- und Tischrand hinaus. Am Rande des Platzes reihen sich die Zuschauer auf, um uns beim Essen zuzuschauen. Ein eher dezenter Junggesellenabschied veranstaltet ein paar Meter weiter ein mobiles Torwandschießen.

Caesar’s Salad – Dîner en Blanc, Köln 2015

Caesar’s Salad – Dîner en Blanc, Köln 2015

„Komm“, sagt M., „wir drehen mal eine Runde und gucken, was die Anderen so mitgebracht haben.“ Ganz gemächlich und ohne allzu großen Abstand spazieren wir um die Gesellschaft und schauen den Kollegen und Kolleginnen auf den Teller. Sushi, Lachs, Krabbensalat, Brot und Butter – die Vorspeisenrunde ist eher maritim bestimmt. Ein asiatisches Pärchen an einem Zweiertisch baut kunstvolle kleine Türmchen. Ich fotografiere eine kleine Kochstation auf dem Boden. „Willst Du probieren?“, fragt mich die reizende Betreiberin. „Dattel mit Ziegenkäse im Speckmantel“, erläutert ihr Begleiter. „Ich komme mich später revanchieren“, verspreche ich. Wir servieren Suppe vom Saft gelber Paprika und Caesar’s Salad mit gegrilltem Huhn, Anchovis-Dressing und Parmesan. Die auf dem Heumarkt ansässige Akkordeon-Spielerin spielt diverse Male ihr Lied. Als sie sich verabschiedet, übernimmt ein Saxofonspieler mit dezenteren Klängen die Untermalung. „Wenn’s mit dem Essen nicht reicht, gehen wir einfach ans Salatbüffet im Maredo“, schlage ich vor, als ich vom WC-Besuch im benachbarten Steakhouse zurückkomme, „oder wir deponieren da unsere Reste.“ M. ist mit seinem Gang an der Reihe. Zartrosa Roastbeef mit Remoulade und Salsa Verde, dazu Kartoffel-Rauke-Salat im Weckglas. Mit gekonnten Schnitten zerlegt er das Fleisch und verteilt es auf die Teller mit Goldrand. Die Nachbarn machen ein Foto vom Arrangement. Es gibt feine Mousse aus Ziegenkäse mit Himbeermousse und Cantuccini-Crumble und ein Käseigel in Nationalfarben zur Unterstützung unseres Teams bei der Frauen WM.

Abschluss – Dîner en Blanc, Köln 2015

Abschluss – Dîner en Blanc, Köln 2015

Langsam wird es dunkel und die in Butterbrottüten verpackten Teelichter kommen endlich zur Geltung. Pünktlich um 22.30 werden die Wunderkerzen gezündet. Die Stimmung ist gelöst und lustig und auch das bisschen einsetzender Regen kann den harten Kern nicht vertreiben. Ein offensichtlich nicht zum Dîner dazugehöriger Mann in einem Tweedjacket geht die Reihen ab und kommentiert die Weinauswahl. „Naja“, sagt er verächtlich, „sieht eher nach Massenware aus.“ „Gottseidank“, denke ich mir, „die Snobs sind hier also die Zuschauer.“

2 Antworten to “ethnografische notizen 101: dîner en blanc”

  1. kultureventbuero 21. Juni 2015 um 16:38 #

    Lieber Johannes,
    toller Bericht! Werde drauf achten, wenn sowas nochmal angeboten wird. Finde das grandios. Und man macht das ohne Gedöns, richtig? Also muss man nicht anmelden und so Zeugs?
    Dein Zeitraffer-Film ist fantastisch!
    Sehr schöne Sache und ich bin mir sicher, ihr habt alles getoppt, was das Essen angeht!
    Herzliche Grüße von Anke

    • johannesarens 21. Juni 2015 um 17:49 #

      Liebe Anke,
      freut mich! Keine verbindliche Anmeldung und keine Registrierung. Du bastelst Dir eine Gruppe und gehst hin. 🙂
      Johannes

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