ethnografische notizen 095: internationale tourismus börse

27 Mrz
„Willkommen in Deutschland“, itb Berlin 2015

„Willkommen in Deutschland“, itb Berlin 2015

In den Gängen zwischen den Messehallen kann man an Ständen mit orangefarbener Plastikmarkise frisch gepressten Apfelsinensaft kaufen. Drei Größen sind ausgestellt, für 2,50, 4,50 und satte 5,50 Euro. Eine junge Frau im orangefarbenen T-Shirt bedient eine halbautomatische Maschine in der die Früchte dekorativ aus einem Behälter nach unten rutschen. Ein kleiner Mann mit einer Aktentasche in der Hand nimmt sich einen der Säfte und trinkt aus dem Strohhalm. Offensichtlich denkt er, dass es sich um Gratis-Getränke handele. Die Verkäuferin zeigt auf das entsprechende Schild, der Mann stellt den Saft wieder hin und geht. Ein paar Meter weiter sitzen erschöpfte Messebesucher und Anbieter im fensterlosen Übergang auf Biergartenmöbeln und essen undefinierbar bayerische Gerichte. An den Wänden blau-weiße Rauten, Brotzeit in blauer Neonschrift und ein rundes Coca-Cola-Schild.

Später, am Mittag, bestelle ich in der Gastlandschaft Rheinland-Pfalz gefüllte Klöße. Ich sitze zwischen Geschäftsleuten auf unbequemen Hockern an hohen Tischen und bekomme drei sehr runde Klöße mit gefriergetrockneter Petersilie und einer Soße mit überraschend authentischer Kümmelnote. „Gefillte Klees mit Specksauce, dazu empfehlen wir ein kühles Bitburger Pils“, steht auf der Speisekarte. Zwei Herren am Nebentisch versuchen ein Bier zu bestellen. „Haben Sie Bons“, fragt die Servicekraft. Die beiden nennen den Namen eines Herren, mit dem sie verabredet seien. Ob der denn Bons habe, fragt die Kellnerin. „Der ist hier Geschäftsführer“, sagt einer von beiden. Die junge Frau lässt sich aber nicht beeindrucken. „Wenn’s nicht geht, geht’s nicht“, sagt der eine. „Dann atmen wir eben nur die Luft hier“, sagt der andere. Beide schauen auf ihre Handys, während sie sich unterhalten.

Ich spaziere durch die Hallen der deutschen Regionen. Es gibt Gummibärchen, abgepackte Apfelchips. Köln hat das Schokoladenmuseum im Gepäck und reicht mit einer Zange kleine Pralinen von einem Silbertablett. Hinter einer Trennwand warten graue Plastikwannen mit in Zellophan verpacktem Geschirr und Besteck auf ihren Einsatz. Eine Dame aus Quedlinburg im historischen Kostüm macht mich auf die Möglichkeit eines Senfworkshops aufmerksam. „Da können Sie genau den Senf machen, den sie brauchen. Wir haben 50 Sorten.“ Alles wird zum Event.

In Rumänien nehme ich mir ein kopiertes Blatt mit Angeboten für Kochkurse in den Karpaten. „Interessieren sie sich für Rumänien“, sagt die junge Frau hinter der Theke. „Das hier finde ich interessant“, sage ich und zeige auf das Paoer. „Wollen Sie in einer Gruppe kommen oder … privat?“ „Das wäre privat“, sage ich. „Schön“, sagt sie und beendet das Gespräch.

Nach diversen Stunden in der trockenen Messeluft mache ich mich schließlich auf den Heimweg. „Der Chef hat den janzen Tag nur mit seinem Handy “, berlinert eine blondierte Dame am Ausgang Nord in Richtung ihrer Kollegin, „und nur jefressen.“

3 Antworten to “ethnografische notizen 095: internationale tourismus börse”

  1. Miss Gliss 28. März 2015 um 01:34 #

    Aber ’nen köstlichen Kaffee hattest Du auch 😉

    • johannesarens 28. März 2015 um 08:45 #

      Tee, in einer schönen Verpackung!!

      • Miss Gliss 28. März 2015 um 09:35 #

        Und Cappuccino in einer schönen Tasse 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: