ethnografische notizen 089: superfoods

17 Jan
Eher unbeachtetes heimisches Superfood mit hohem Vitamin-C-Gehalt, Malmedy 2004

Eher unbeachtetes heimisches Superfood mit hohem Vitamin-C-Gehalt, Malmedy 2004

„Superfoods“, schreibt Theresa Bäuerlein in „Diese Beere hilft gegen den Tod“ auf Krautreporter, „ sollen besser, reiner und gesünder sein als andere Lebensmittel. Ihr Erfolg spricht aber eher für unser schwieriges Verhältnis zum Essen.“ Denn nie, so die Autorin, sei unser Verhältnis zum Essen komplizierter gewesen als heute. Vor allem die marketingtechnischen Aspekte analysiert sie in ihrem Text, die pflanzliche Lebensmittel wie Acai-Beere oder Maca-Wurzel gegenwärtig zu ziemlich lukrativen Geschäftsmodellen machen. Dabei sind solche sogenannten Superfoods ja nur bedingt neu. Manna half im Alten Testament beim Auszug aus Ägypten und Mitte der 1950er Jahre beschreibt ein gewisser J.R.R. Tolkien in „Der Herr der Ringe“, wie Hobbits und Menschen in Extremsituation mittels Lembas, dem Elbenbrot der Einwohner von Lothlórien, überleben.

Zu meinen Weihnachtsgeschenken zählt neben den bereits genannten Kochbüchern auch ein Probierset namens „Eat a rainbow“. Sechs kleine Fläschchen à 20 Milliliter in einer ziemlich aufwändig gestalteten Pappschachtel nebst einem dazugehörigen Plastiklöffel. Dabei handelt es sich um sogenanntes „Pury“, ein Konzentrat sekundärer Pflanzenstoffe in den Geschmacksrichtungen Blue, Red, Purple, Green, Yellow und Gold. „Eat a Rainbow bündelt die Power aus farbintensivem Obst & Gemüse in 100% puren Essenzen“, heißt es in der beiliegenden Produktbeschreibung. Klingt ein bisschen nach Lothlórien, enthält neben ganz gewöhnlichen Zutaten wie etwa Apfel, Paprika oder Kürbis eben auch sogenannte Superfoods wie Aroniabeere (zu Deutsch Apfelbeere), das Cyanobakterium Spirulina oder Saflor, die Blüten der Färberdistel, die man hierzulande ja eher aus der Speiseölproduktion kennt. Geschmacklich alles nicht besonders aufregend und inhaltlich bei ausgewogener Ernährung nicht wirklich notwendig. Es bleibt also zu vermuten, dass vor allem die färbenden Eigenschaften – rot, blau und gelb – das Alleinstellungsmerkmal des Produkts ausmachen. Aber immerhin handelt es sich um das erste Pury der Welt. Vermutlich aber nicht um das letzte.

Alles eine Frage der Perspektive. Auf Curaçao besichtigte ich einmal eine Manufaktur für den ortsansässigen, gleichnamigen Orangenlikör, der im Original übrigens vollständig farblos ist, aber das nur am Rande und wegen der schönen Überleitung. Direkt im Anschluss besuchten wir Dinah Veeris, eine lokale Legende und Pflanzenheilkundige, die mir beim Rundgang durch ihren Garten auch einen Baum mit kugelrunden, roten Früchten zeigte. Meine folgende Begeisterung für die Antillenkirsche, auch Acerola genannt, konnte sie aber irgendwie nicht wirklich nachvollziehen.

Alles eine Frage der Kommunikation, da hat Bäuerlein schon recht. Eine, die weiß wie das geht, ist die britische Bloggerin Ella Woodward, die auf delicioslyella.com neben Berichten über neue Apps und ihre Model-Karriere gelegentlich auch Rezepte postet. Die sind nicht nur prall gefüllt mit Superfoods wie etwa Goji, Chia- oder Hanfsamen, sondern immer auch „amazing“, „bursting with great fibre“, und überhaupt „making you beautiful inside and out!“ „Mein Gott, so much goodness!“, dachte ich, und besorgte mir die eine oder andere Zutat. Lediglich das ausführlich beschriebene Baobab-Puder war im Bioladen nicht erhältlich. „Werden wir aber bald haben“, sagte die dortige Superfood-Beraterin. Alles eine Frage der Zeit.

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