ethnografische notizen 081 – pflaumenernte

26 Sep
Vor dem Ernterausch, Mützenich 2014

Vor dem Ernterausch, Mützenich 2014

Die Pflaumenernte ist in jedem Jahr eine Herausforderung für mich. Zum einen weil ich – leicht zwanghaft – an unbeernteten Bäumen jedweder Sorte Obst nur schwer vorbeigehen kann. Zum anderen, weil ich aus ästhetischen und emotionalen Gründen ein großer Pflaumenfan bin, sie mir aber, ehrlich gesagt, in den meisten Fällen zu sauer sind. Pflaumenkuchen finde ich toll, aber mehr so zum gucken. Da bin ich eigen, ganz sicher in diesem Jahr, wo die Sonne in den entscheidenden Monaten meist nur frühmorgens mal kurz zu sehen war. Der Pflaumenbaum im Garten meiner Eltern, der vor zwei Jahren sogar für mich genießbare Resultate hervorbrachte, hatte in diesem Jahr nahezu mehr Früchte als Blätter. Das versprach Gutes. Der Baum hing so voll, das man aus dem Wohnzimmer sogar in der Dämmerung noch einen violetten Glanz wahrnehmen konnte.

Neulich beschloss ich, dass nicht nur die Pflaumen sondern auch die Zeit jetzt reif sei und begab mich erst mit einem Korb und im Verlaufe meiner rauschartigen Sammeltätigkeit mit einer großen Obstkiste auf die Wiese. Dass ich nach ein, zwei Proben beschlossen hatte, das Prädikat „ungenießbar, weil trotz voller Reife hart und sauer“ zu verleihen, spielte zu diesem Zeitpunkt schon keine Rolle mehr. I was a man with a mission. Später dann dämmerte mir, dass die rund 9 Kilogramm Früchte, die optisch eher an zu blau geratene Oliven erinnerten, auch verarbeitet sein würden wollen. Aus dem Bücherregal meiner Eltern, Sektion „Special Interest“, zog ich drei Bücher. John Seymours „Selbstversorgung aus dem Garten. Wie man seinen Garten natürlich bestellt und gesunde Nahrung erntet“, außerdem das „Handbuch für die Früchtezubereitung“ von Pfeiffer und Langen (in dem ich ein Antwortschreiben der Redaktion an meine Mutter in Sachen „ungenießbarer Wermutlikör“ fand) und schließlich das gute alte Einmachbuch von Dr. Oetker.

Anderthalb Tage später sind drei Kilogramm Pflaumen entsteint, kurz gekocht und im leicht geöffnete Backofen getrocknet, zweieinhalb weitere Kilogramm mit Anis und Zimt zu Pflaumenmus verarbeitet, 500 Gramm nach einem Rezept aus dem Netz mit frischem Ingwer und Korn angesetzt und schließlich zehn Gläser mit Rotwein und Sternanis eingeweckt. „Lassen sie denn gut vom Stein“, fragt mich meine Schwiegermutter. „Nein“, antworte ich und weil ich trotz Gummihandschuhen dunkelviolette Finger und wunde Daumennägel habe, koche ich das letzte Pfund mit Stein, Rotwein und Gewürzen auf und mache ganz bequem Gelee draus.

Am nächsten Tag, beim Mittagessen im Büro, öffnen wir das erste Glas. „Du bist meine Testperson“, sage ich zu Kollegin M., „Du musst sagen, ob man die überhaupt essen kann. Eine halbe Stunde später rufe ich meinen Vater an und bitte ihn, auch die restlichen Pflaumen aufzusammeln und vorbeizubringen.

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