ethnografische notizen 080: ikea

10 Sep
Schwedische Schonkost, Köln 2014

Schwedische Schonkost, Köln 2014

„Somma zu Ikea Schödbulla essen fahrn?“ fragt mich mein Mann per SMS. Wir sind beide aus ganz unterschiedlichen Gründen krank geschrieben und haben keine Energie selbst zu kochen.

Eine gute Stunde später stehen wir in der Schlange. Ein älterer Herr trägt einen Teller mit Fleischklöpsen und Fritten vor sich her. In einem steckt eine kleine schwedische Fahne. Ansonsten gibt es hier an diesem Morgen auffallend viele junge Menschen, von denen auffallend viele so aussehen, also ob sie geradewegs aus dem Katalog herausgepurzelt seien. Vielleicht ist man ja gerade schon bei der Produktion für die Frühjahrsausgabe und die Models machen Mittagspause. Aber Models machen eigentlich keine Mittagspause, denke ich. Diese hier aber sehr wohl denn sie reihen sich ganz offensichtlich gut gelaunt und gut aussehend in die Köttbullar-Reihe ein. Das Kind vor uns hingegen heißt Joel. „Du kriegst jetzt trinken“, sagt die Mutter. Oder die Oma. So genau kann man das nicht erkennen, weil beide irgendwie aussehen wie Sonja Zietlow.

Im Kühregal warten diverse Teller mit appetitlich dunkelroten Krebsen unter einer Plastikhaube auf Käufer und Käuferinnen, werden von den Katalogdarstellern und -darstellerinnen aber einfach ignoriert. Auch schöne Menschen essen offensichtlich lieber Köttbullar und Pommes. Während ich mir das alles so notiere, schiebe ich das Tablett weiter. Das ganze muss ja im Fluss bleiben. Joel bekommt eine halbe Portion zum halben Preis und wir von Fatih, so heißt die Servicekraft am Köttbullar-Posten, keine kleine schwedische Flagge in den Klops. Vielleicht ist das nur was für alte Leute. Den Namen des Kassierers kann ich mir in der Eile nicht aufschreiben. „Stören wir“, fragt mein Mann in seiner unnachahmlich verbindlichen Art. „Nein“, sagt der junge Kassierer gelassen, „das kann alles warten“, er legt das Handy weg, „zusammen bezahlen?“

Wir nehmen einen Tisch mit Ausblick in der Abteilung mit grünen und hellblauen Stühlen, die ein wenig an Krankenhaus erinnern. Eine Putzfrau, deren Migrationshintergrund eindeutig nicht schwedisch ist, wischt über Tisch und Bänke. Auch die dreistöckigen Tabletts mit denen zwei ältere Damen – die jungen schönen Menschen haben offensichtlich kein größeres Interesse an der Aussicht auf den Parkplatz – ihre grünen Bohnen durch die Gegend fahren, erinnern an Hospital.

Ein paar hundert Meter weiter hat vor zwei Tagen eine Filiale von Poco Domäne eröffnet. Erschlaffte rote und gelbe Ballons hängen an den Laternen links und rechts der Einfahrt. Vor der Türe stehen Menschen verschiedensten Alters und rauchen Zigaretten. Für einen Moment frage ich mich, wo sie wohl ihre Infusionswagen gelassen haben und warum sie keine Frotteebademäntel tragen. Dann fällt mein Blick auf ein Schild im Speisebereich. „Für echte Genießer“, lese ich und denke, „stimmt, wir sind ja gar nicht im Kranken-, sondern im Möbelhaus.“

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