ethnografische notizen 074: mantı

9 Aug
Mantı in der Elsassstraße, Aachen 2014

Mantı in der Elsassstraße, Aachen 2014

Beim dritten Anlauf klappt es endlich mit dem Mittagessen mit Freund R. Wir verabreden uns am Elsassplatz in Aachen-Ost, einem Viertel, das ich allenfalls mal mit dem Auto durchquere. „Nur bergauf“, denke ich missvergnügt, als ich vom Büro losfahre. Die zum Platz gehörige Elsasstraße hat sich verändert, seit ich vor rund 15 Jahren von hier weggezogen bin. Läden, Lokale und Publikum sind nach wie vor überwiegend türkisch, aber die mittlerweile sanierten Fassaden der meist um die Jahrhundertwende gebauten Häuser haben den heruntergekommenen, irgendwie riskanten Charme verloren. Vielleicht liegt das aber auch an meiner Wahrnehmung der gefährlichen Stadt, jetzt, wo das beschauliche Landleben schon lange zurück liegt. Es gibt Schmuckläden, Friseure, ein Gardinen-Deko-Geschäft, einen Metzger und einen Gemüseladen. Eine türkische Straße in Deutschland eben. Weil ich mich nicht mehr genau erinnern kann, in welchem der diversen Restaurants rund um den Platz wir uns verabredet haben, mache ich mein Fahrrad an einer Straßenlaterne fest und warte auf der Straße. Überwiegend Männer machen Mittagspause. Manche von ihnen kommen zu Fuß, andere parken ihre schweren Autos am Straßenrand.

Auch R. macht sein Fahrrad fest und wir gehen rüber zum Restaurant Beyti. Bestellt wird an einer Theke an der Küche, auf halber Strecke zum Innenhof. Wir begutachten die Tagesgerichte und der Koch erklärt uns, was es gibt. Hähnchen, Kalbfleisch und Lamm mit verschiedenen Gemüsesorten. Allesamt liebevoll dekoriert in tiefen Metallblechen. Freund R. entscheidet sich für Kalb mit Bohnen. „Und Tortellini haben wir“, sagt der Mann und zeigt auf ein mit Joghurtsoße überzogenes Gericht. Ich nicke und sage: „Dann nehme ich die Mantı.“ Wenn man schon Expertise hat, kann man sie ja auch mal dezent anbringen. Zwei Jahre lang fuhr ich nämlich auf dem Weg von Neukölln nach Schöneberg jeden Morgen mit dem Fahrrad an einer türkischen Bäckerei vorbei, an deren Türen ein Schild mit der Aufschrift hing: „Dienstags frisch Mantı“. Gegessen habe ich sie dort allerdings nie, weil nämlich auf dem Heimweg am Dienstagabend die Bäckerei immer schon geschlossen hatte.

Heute habe ich mehr Glück und die Bedienung bringt Brot, einen Salat und Wasser. „Sprudel wolltet Ihr, oder?“, sagt sie. „Sprudel“, denke ich, „habe ich schon seit Jahren nur noch meine Eltern sagen hören.“ Ich betrachte die auf die Wand gemalten Bilder von Aya Sofia und Bosporus und unterhalte mich mit R. über unsere Türkei-Erfahrungen. Er war noch nie in Istanbul, ich noch nie im Rest des Landes. Die Bedienung bringt die Tortellini. Dass Türken in Deutschland ein italienisches Wort nutzen, um Deutschen ein türkisches Gericht zu erklären, gefällt mir. Die Mantı selber übrigens auch. „Herrlich“, denke ich, als ich wieder auf’s Rad steige, „fünf Minuten bergab und ich bin wieder im Büro.“

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