ethnografische notizen 073: markt am dom

4 Aug
Butterknoten auf Pain & Gateaux, Münster 2014

Butterknoten auf Pain & Gateaux, Münster 2014

Im Café schräg gegenüber der Bezirksregierung französisiert es ein wenig. „pain & gateau à la Krimphove“ steht auf der Serviette unter meinem Butterknoten mit Hagelzucker. „pain & gâteau“ steht auch in verschnörkelten goldenen Buchstaben über dem Brotregal. Dort liegen neben dem mit einer hübschen Papier-Banderole gekennzeichneten „Pain de France“ aber auch eine Lamberti-Kruste. In der Ecke stapeln sich appetitliche Baguettes. Über der Theke zeigt ein Bilderfries den Weg des Korns vom Feld zum Brot und die Arbeit von Bauern, Müllern und Bäckern. Die in Dialekt und Fraktur gehaltenen einzelnen Bildunterschriften kann ich nur teilweise entziffern. Auf der Theke stehen verschiedene Limonadensorten von La Mortuacienne und abgepacktes Teegebäck. Ein Bäckereifachverkäufer mit auf den Unterarm tätowierten Sternen sortiert mit Gummihandschuhen dicke Stücke Butterkuchen neben flache süße Tartes und Eclairs. Seine Kollegin fragt den Fahrer, der gerade leer gemachte Kuchenbleche nach draußen schiebt, wie lange er denn in Urlaub sei. Es gibt Schwarzbrot, Dom-Taler mit rotem Gelee, Preußen Fitness Riegel und Pfälzer Apfel-Kirsch, der in dieser westfälisch-französischen Mischung ein wenig out-of-place wirkt. Ein Vater stellt seine zwei kleinen blonden Söhne auf die Messingstange vor der Theke, damit sie sich etwas aussuchen können. „Ich bin größer als mein Bruder“, sagt der eine von ihnen zur Verkäuferin. An der Türe lese ich spiegelverkehrt das Angebot „Ferientüte“ mit zwei Broten nach Wahl für € 4,99. Die Frühstücksangebote sind mit Kreide auf eine Tafel an der Wand geschrieben. Es gibt ein kleines und großes französisches Frühstück, ein bretonisches Fischer-Frühstück mit Lachs und Flußkrebssalat, aber auch eins mit zwei halben belegten Brötchen – wahlweise mit Gouda, Salami, Koch- oder rohem Schinken – wir sind ja schließlich in Westfalen. Ein Ehepaar, setzt sich, jedes mal wenn ein Tisch frei wird, einen Platz weiter ans Fenster. Menschen jeder Altersklasse ziehen ihre noch leeren Einkaufswägelchen über das Kopfsteinpflaster Richtung Markt am Dom. Schubweise fahren Trüppchen Fahrradfahrer vorbei. Ab halb neun wird es plötzlich voller, die Marktbesucher scheinen sich vorab noch stärken wollen.

Tomatensortiment, Münster 2014

Tomatensortiment, Münster 2014

Als ich um die Ecke gehe, verstehe ich warum. Mehr als 150 Stände lese ich später im markteigenen Magazin mit Reportagen, Rezepten und Kartenmaterial. Es gibt gleich mehrere Stände, die nur Pilze verkaufen, Mischpilze mit Petersilie Limonenseitlinge und andere Sorten, von denen ich noch nie gehört habe. Münsterland Radieschen und dicke Bohnen von hier, riesige Bündel Möhren und ungespritztes Beerenobst. „Habt Ihr schon mal weiße Erdbeeren gesehen?“, fragt ein vorbeigehender Vater seine Familie.„Kann man davon schon Kuchen machen?“, fragt eine Oma in einem gestreiften Pullover und zeigt auf die Zwetschgen. „Absolut“, sagt die junge Verkäuferin. Das Personal ist auffallend jung, vielleicht weil auch die rund 39.000 Studierenden der Stadt Semesterferien haben. Direkt am Dom findet man im alternativ angehauchten Kaffeebetrieb kaum noch einen Platz. Man unterhält sich über das Unwetter von letzter Woche, über den anstehenden Urlaub auf Mallorca und sortiert folgsam die gebrauchten Tassen in bereitgestellte Plastikwannen. Nebenan berät eine Schmuckverkäuferin, die mich irgendwie an Martina Meuth erinnert, eine Kundin. „Das können Sie zu allen Naturtönen tragen“, sagt sie. Bei den Bäckern gibt es handgedrehte Brötchen und frische warme Dinkelwaffeln mit Puder- oder Zimtzucker. „Ich hätte gerne von dem Pornokäse“, sagt ein älterer Herr, „von dem Roquefort.“ Seine Frau lacht etwas überzogen und ich frage mich, ob sie vielleicht versteht, was er meint. Ansonsten sind es eher die Männer, die etwas abseits warten, während ihre Frauen die Einkäufe tätigen. Iberico, Kalbsbäckchen und Bressehühner und ein beeindruckend großer ausgestopfter Hahn auf der Theke des Geflügelhändlers. Tomaten in jeder erdenklichen Form und Farbe und solche aus ausgewiesener eigener Ernte. Knoblauch immer aus der letztmöglichen Ernte, Seezunge aus dem Atlantik und aromatischer Honig „von hier“. Ein Metzger hat mir unbekanntes Schubbelfleisch im Angebot und diverse Süßwarenstände erinnern mit Lakritz und Wilhelmina-Pepermunt an die Nähe zu den Niederlanden. So langsam bekomme ich wieder Appetit und interessiere mich für Reibekuchen mit Apfelmus. „Flammkuchen nach original Elsässer Art mit Speck und Zwiebeln oder mit eingelegten Tomaten aus Sizilien“, lese ich auf der anderen Seite des Ganges, „dazu vielleicht ein Apfel-Cidre oder ein Trauben-Cidre aus der neuen Ernte?“ „Sekt trinke ich jetzt“, sagt eine Frau zu ihrer Freundin und rückt den über den Arm gehängten Einkaufskorb zurecht, „Tschüss!“

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