ethnografische notizen 71: le français

26 Jul
Poulet de Bresse à la crème, Bourg-en-Bresse 2014

Poulet de Bresse à la crème, Bourg-en-Bresse 2014

(…) In Bourg-en-Bresse entscheiden wir uns spontan für das Restaurant mit dem vielversprechenden Namen „Le Français“ – weil es uns gefällt und weil es gerade wieder einmal regnet. Der Franzose scheint eine Institution zu sein, ein riesiger Saal mit goldenen Stuckdecken, Spiegeln, alten Werbeschildern (für Heineken) und anderem Nippes. Am Eingang wacht die riesige Figur eines Bressehahns, der aus mir nicht erklärlichen Gründen glitzernde Ohrgeschmeide trägt. Wir versuchen einen Überblick über die dunkelroten Polsterbänke, Vitrinen mit Desserts und Beistelltische für die Zubereitung diverser Speisen am Platz zu bekommen. „Draußen oder drinnen“, fragt der Chefkellner und zum ersten Mal in meinem Leben schiebt jemand für mich den Tisch beiseite, so dass ich mich auf die Bank setzten kann. Kannte ich bislang nur aus dem Film, wollte ich immer schon mal. Im hinteren Drittel des Etablissements leuchtet blaue Neonschrift den Weg zur Bar und zu den Toiletten. Verschiedene Servicekräfte gehen ihren offensichtlich klar umschriebenen Aufgaben nach. Unter einem eine ältere Dame, die ausschließlich für die Entnahme der Süßspeisen aus den Kühlvitrinen zuständig ist. Die Speisekarte erzählt die Geschichte des Restaurants, die in ihrer Detailfreudigkeit den Rahmen dieser Veröffentlichung sprengen würden. Neben einem kleinen Kapitelchen über das Bressehuhn gibt es hinten, hinter den Digestifs eine paar gedruckte Auszüge aus dem Gästebuch mit einer Zeichnung von Lois Azarro. Davor finden sich mit Französisch, Regional, Bressan und Bourgois vier Menüs, die zwischen 29 und 69 Euro kosten. Wir nehmen die regionale Version und bekommen Froschschenkel, Poulet du Bresse à la crème und Nachtisch nach Wahl. Dazu eine Karaffe Chardonnay du Buguey. Für einen Moment erwäge ich à la carte zu wählen und mein Bressehuhn mit Morcheln zu 600 Euro im Kilo verzieren zu lassen. Weil ich jedoch Angst habe, nicht richtig satt zu werden, nehme ich dann doch die einfache Version im Menü. Eine Befürchtung, die sich als unbegründet erweist, als das ältere Ehepaar am Tisch neben uns von der Dessert-Dame eine riesige Portion Obstsalat und ein gewaltiges mit Crème gefülltes Gebäckstück gebracht bekommt. Tapfer essen die beiden ihren Teller leer. Auf der anderen Seite sitzen zwei junge Frauen, von denen eine offensichtlich im Lokal bekannt ist. Nach jedem Gang gehen sie vor die Türe, um zu rauchen, ansonsten spielen sie mit ihren Handys. Auf dem uns nächstgelegenen Beistelltisch tranchiert einer der Kellner mit geschickten Handgriffen eine gebratene Seezunge. Zwei Herzen schlagen plötzlich in meiner Brust, zwischen Bangen und Hoffen, dass man sich vertan haben und der Fisch für uns sein könnte. Doch der Kellner geht mit dem fertigen Teller nach draußen und das aufgelegte Fischbesteck gehört wohl Froschschenkeln. Im Hauptgang habe ich Glück und bekomme den Teller mit einem großen weißen und, sogar in einem auf Durchgang getrimmten Restaurant wie diesem hier, unglaublich saftigen Bruststück vom Bressehuhn. Dafür hat mein Mann ein Bein, das nur so weit über dem Fuß abgeschnitten ist, dass man die blaue Farbe noch erkennen kann. Dazu gibt es körnigen Reis. Kurz vor zehn, als wir aufbrechen werden manche Tische noch einmal eingedeckt. Lokalprominenz, man kennt sich. (…)

 

Dieser Text ist ein Auszug aus einem Reisebericht der am Ende des Sommers in der Reihe „cahiers de vacances“ bei editions poêlés erscheinen wird.

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