ethnografische notizen 69: lequet, liège

5 Jun
Zwei Boulets de Liège bei Lequet, Lüttich 2014

Zwei Boulets de Liège bei Lequet, Lüttich 2014

Ob ich noch mit essen gehen würde, fragen mich die belgischen Kollegen nach der Konferenz. Man habe einen Tisch reserviert, in einem einfachen Restaurant. „Bien sûr“, sage ich. Schließlich bin ich ja mit dem Zug und nicht mit dem Auto nach Lüttich gekommen. Ich überlasse mich der belgischen Zeitrechnung, in der „noch etwas essen gehen“ bedeutet, dass wir noch ein, zwei Gläser lokales Weißbier im Tagungsraum trinken, dann in einer Bar um die Ecke einen richtigen Aperitif zu uns nehmen, um dann ins Restaurant aufzubrechen.

Selbiges heißt „Chez Stockis – Lequet“ und befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Hauptgebäude der Universität. Der Patron, ein etwas kugeliger kleiner Mann mit einem blau-weiß gestreiften Hemd (der offensichtlich Stockis heißt oder zumindest so genannt wird), schaut ein wenig ungnädig, auch als die Kollegen ihm zu wiederholten Mal versichern, dass man einen Tisch reserviert habe. Sein Lokal gehört zu der Sorte, die vermutlich vor rund 30 Jahren zum letzten Mal renoviert wurde und von der man hofft, dass die nächste Sanierung auch noch mindestens 30 Jahre auf sich warten lassen wird. Hier und da blättert die Farbe von der Wand, die großzügig mit alten Fotografien, Postern für Simenon-Ausstellungen und Marionetten dekoriert ist. Gegenüber sitzt ein altes Ehepaar nebeneinander. Die beiden essen schweigend ihren Teller leer, trinken eine Flasche Rotwein und schauen ein Fußballspiel auf dem Fernseher über der Tür zur Küche.

Die Speisekarte passt auf ein A5-großes Blatt. Es gibt eine oder zwei Boulets de Liège mit Fritten, mit oder ohne Salat und Kompott und Nierchen Lütticher Art. „Wer bekommt keine Bouletten“, fragt der Patron, „und wer bekommt nur eine.“ Jetzt ist er deutlich besser gelaunt. „Ein paar unfreundliche Kommentare gehören hier zum guten Ton“, sagt meine Tischnachbarin, die ursprünglich aus Namur stammt. Stockis’ Frau bringt unsere Bouletten, Mayonnaise, Salat und Kompott. „Der Besitzer hat eine Schwester, der ein bekanntes Lokal in Visé gehört “, flüstert die Nachbarin, „wie heißt das noch mal?“ „L’Autobus“, sagt ihr Gegenüber, „die hat einen Sohn, der ist ein ganz bekannter Künstler, aber der Name fällt mir gerade nicht ein.“ „Gut, dass ich nicht mit dem Auto hier bin“, denke ich und nehme noch ein wenig Mayonnaise.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: