ethnografische notizen 66: alsacienne

22 Mai

Diese Geschichte ist mein Beitrag zum Blogevent „Kulinarisches Brandzeichen“ von Kollegin Barbara Steinbauer-Groetsch.

eintopfheimat.com

Elsässerin – seit 1897

Elsässerin – seit 1897

Die eigenen kulinarischen Prägungen – das was mir gernhaben und wonach wir uns manchmal sehnen, aber auch das was wir nicht mögen und unter keinen Umständen kaufen oder kosten würden – sind eine Medaille mit zwei Seiten. Manchmal sind sie angenehm, geben uns Sicherheit und Geborgenheit, manchmal sind sie aber auch Ballast, der uns hemmen kann. In jedem Fall tragen wir sie ein Leben lang mit uns herum.

Lange Zeit war die älteste mir bekannte Person Zuster Eugenia, eine Mitschwester der Tante meiner Mutter. Zuster Cunrada hatte nämlich irgendwann in den 1930er Jahren ihre saarländische Heimat verlassen und ihren nicht besonders geläufigen Taufnahmen Aloyisia gegen den ähnlich exotischen Ordensnamen eingetauscht, um ihr restliches Leben im Kloster im nordbrabanter Grave zu verbringen. Dabei brachte sie es immerhin auf 93 Jahre, was für das geruhsame Leben in einem Kloster an der Maas spricht.

Ihre Mitschwester und Freundin Eugenia wurde 103 Jahre alt. Geboren wurde sie am Ende des 19. Jahrhunderts in Straßburg. Eine Tatsache, die sie vermutlich, mit alle den dazugehörigen Konsequenzen, ein Leben lang mit sich herumgetragen hat. Einmal im Jahr besuchten wir die Schwestern in den Niederlanden und meistens besuchten die Schwestern uns einmal im Jahr in der Nordeifel. Die Besuche waren ein Austausch auf sehr vielen Ebenen, auch auf der kulinarischen. Wir Kinder bekamen Süßigkeiten, quadratische in Plastikfolie verpackte Fruchtbonbons, Pfefferminzbonbons und Schokolade. Die Nonnen hingegen, einige davon ursprünglich aus Deutschland. freuten sich nach eigenem Bekunden schon die ganze Fahrt über auf die guten deutschen Brötchen, von denen sie von meiner Mutter immer auch eine Tüte für den nächsten Tag mitbekamen. Zuster Cunrada bekam einige Dinge, die es in den Niederlanden nicht gab und auch Schwester Eugenia genoss aufgrund ihres Alters einen Sonderstatus. Sie bekam bei jedem Besuch ein oder mehrere Pakete Nudeln geschenkt.

Warum ausgerechnet Nudeln? Darüber kann ich nur spekulieren. Vielleicht war ihr Qualität oder Geschmack der in den 1980er Jahren in den Niederlanden erhältlichen Nudeln nicht ausreichend, vielleicht war es auch nur eine Erinnerung an ihre elsässische Heimat, die zur Zeit ihrer Geburt zu Deutschland gehörte. Vielleicht war es auch einfach nur ein Ritual zwischen ihr und meiner Mutter. In jedem Fall war ihre Freude jedesmal ähnlich intensiv wie die von uns Kindern über die Bonbonpakete.

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