ethnografische notizen 63: cichette

10 Mai
Häppchen auf venezianisch, Venedig 2014

Häppchen auf venezianisch, Venedig 2014

Nachdem ich im Flieger meinen Kaffee über meine Zeitung und die Strumpfhose der reizenden Flugbegleiterin geschüttet habe, blättere ich notgedrungen in einem Buch mit dem Namen „Venedig. Eine Verführung“, dessen Einleitung ich vor Abflug eher lustlos gelesen hatte. Als es aber endlich um Essen geht, wird es allerdings dann doch ziemlich interessant. Am späteren Vormittag überzeuge ich die Anderen davon, dass es sich lohnt, auf der Strada Nova nach einer der Pasticcerien zu suchen, die laut Buch so gut sein sollen. Statt vor einer Konditorei bleiben wir dann aber vor einer eher unauffälligen Bar stehen. Durch die geöffnete Türe kann man vier ältere lustige Herren bei etwas beobachten, was man hierzulande Frühschoppen nennen würde. In der Hand halten sie kleine Wassergläser mit Wein, die sie ab und an dem Kellner zum Auffüllen reichen. In der Glastheke befindet sich eine große Auswahl an sorgfältig belegten Broten, die laut Reiseführer Cicchete heißen und die man am ehesten wohl als venezianische Tapas bezeichnen könnte. Der freundliche, großflächig tätowierte Barmann schreibt uns einen Deckel, während sein Kollege vor der Türe eine Zigarette raucht. Unsere Getränke bekommen wir in richtigen Weingläsern, die authentische Version scheint für die Einheimischen vorbehalten.  Eine junge Frau bringt Nachschub aus der Küche. Als ich später auf dem Rückweg von der Toilette den Rest der Räumlichkeiten inspiziere, überrasche ich sie mit ihrem Freund im Halbdunkel beim Knutschen. Wir setzen uns auf eine der entlang der Wand aufgestellten Bänke und essen Stockfisch, Krabben mit Radicchio, Blauschimmelkäse mit Sardellen und eine safrangelbe Paste mit hauchdünn geraspeltem Trockenfleisch. An der Decke hängen alte verbeulte Kupferkessel, in denen früher Polenta gekocht wurde. Um Punkt 13.00 Uhr machen sich die vier Herren auf den Weg – vermutlich, weil die Ehefrauen zuhause mit dem Mittagessen warten. Immerhin ist ja Sonntag.

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