ethnografische notizen 62: risotto

30 Apr
Ristorante da Alvise, Venedig 2014

Ristorante da Alvise, Venedig 2014

D., der Vermieter unserer Wohnung in Cannaregio ist Italiener mit französischen Wurzeln und wechselt im Gespräch von Englisch zu Französisch, als er merkt, dass wir auch so weiterkommen. „Hier gibt es viele gute kleine Restaurants“, sagt er und zeigt auf eine minimalistische, vermutlich in Word gebastelte Karte des Viertels. Nur die wichtigsten Verbindungen zu Bäckerei, Fischgeschäft und Gemüsestand sind durchgängig, die restlichen Straßen und Kanäle enden in weißen Flächen. „Hier unten am Wasser ist die Pizza gut“, sagt D., „und hier auch der Reis.“ Weil die Sonne entgegen des Wetterberichts doch scheint und wir nach dem spärlichen Service der Air Dolomiti Appetit haben, entscheiden wir uns für Risotto an den Fondamente Nuove.

Auf der Außenterrasse sind restlos alle Plätze belegt. „Im Moment“, sagt der Kellner, „kann ich nur noch einen Tisch auf der Straße anbieten.“ Er schiebt einen einfachen Holztisch auf den Gehweg und zieht ein paar Stühle heran. „Prego signore.“ Allerdings, so mahnt er, müssten wir schnell machen, der Küche schließt. Wir schauen auf die Karte. „Wirklich“, sagt er und schaut auf seine Uhr, „es ist 14.00 Uhr und der Koch geht nach hause.“ Risotto di pesce, steht in Menü, gibt es erst ab zwei Personen. „Kein Problem, das ist noch da.“ Sein junger Kollege bringt Tischsets aus Papier, Servietten und Messer, seine Kollegin daraufhin belustigt die Gabeln. Alle tragen hier Schwarz und feingestreifte, fast bodenlange Schürzen. Ein Boot fährt mit einem von weißen Blumen bedeckten Sarg fährt vorbei. Nur wenige hundert Meter weiter liegt die Isola di San Michele, die Friedhofsinsel in der Mittagssonne. Wir bekommen einen Liter Pinot Grigio und frisches Weißbrot. In den Weingläsern kann man die vorbeilaufenden Passanten auf dem Kopf sehen. Ich blättere noch ein wenig in der Karte. Pizzen gibt es auch hier. Sie heißen Erika oder Orgasmica. Es riecht ein wenig nach Meer. Nicht unangenehm, kein Gestank, aber es riecht.

Die Kellnerschar bringt unser Risotto auf flachen Tellern, mit der Schöpfkelle ausgestrichen wie eine Pizza. In „Der Tod in Venedig“ bleibt Tadzios Familie den ganzen Sommer in der Stadt. Nach noch keiner Stunde vor Ort kann ich mir das auch vorstellen.

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