ethnografische notizen 61: trüschel

25 Apr

Ostbelgien hat vom 26.04. bis zum 11.05.2014 seine Genusswochen ausgerufen. Im Auftrag des Ministeriums esse, trinke und schreibe ich mich durch die Deutschsprachige Gemeinschaft. Dort ganz offiziell  und hier, wie gewohnt, eher privat im Nachschlag. Heute in der Ulftaler Schenke in Burg-Reuland.

Kir auf ostbelgische Art mit Trüschel-Likör, Burg Reuland 2014

Kir auf ostbelgische Art mit Trüschel-Likör, Burg Reuland 2014

„Lust auf ein Abenteuer?“, frage ich morgens per SMS in die Runde, „Heute Abend Restaurant-Testen in Belgien!.“ Pünktlich um viertel nach fünf machen wir uns schließlich zu viert auf den Weg – immerhin haben wir knapp 100 Kilometer zu bewältigen bis zur Urtaler Schenke, nahe der luxemburgischen Grenze. Die Anfahrt ist in der Tat ein wenig abenteuerlich, irgendwann ist die Straße nicht mehr wirklich geteert und das Navi zeigt eine rote Linie, sowie links und rechts eine einheitliche grüne Fläche für den Wald. Im zweiten Anlauf finden wir aber das gesuchte Lokal. „Sie haben ja eine ganze Fußballmannschaft mitgebracht“, sagt die Chefin, Frau S., deren Mann ein paar Stunden zuvor am Telefon beinahe ungläubig nachfragte, ob ich wirklich einen Tisch für vier Personen reservieren wolle. An den Wänden hängen diverse Jagdtrophäen. Das Wildschwein über dem Schrank hat nur einen Zahn. Wir nehmen an einem runden Holztisch mit einer blauen Tischdecke Platz. Meine Sicht auf die Burg wird am oberen Rand des Fensters durch eine Raffgardine behindert, was den Charme des Restaurants aber nicht mindert. Im Hintergrund dudelt dezent ein etwas kurioser Mix aus deutschen und italienischen Schlagern, ich meine Roland Kaiser und Adriano Celentano zu erkennen. Die Karte ist dreisprachig, wie in Belgien üblich und in dunkelbraunes Kunstleder gebunden, so, wie sich das für ein derartiges Etablissement gehört. Ob wir einen Aperitif einnehmen möchten, fragt uns Frau S. „Was würden Sie uns denn empfehlen?“, frage ich zurück. „Wenn Sie wegen der regionalen Produkte hier sind“, sagt sie, „dann würde ich ihnen einen Kir empfehlen. Das ist auf Basis von Trüschel, mit Wein aus Luxemburg.“ Wir gucken fragend. Trüschel sei – sie sucht nach dem richtigen Wort – Johannisbeere. „Schmeckt wie zuhause“, sagt Freund G. zufrieden, wie selbstgemachter Aufgesetzter!“ Zum Aperitif wird hausgeschossener Wildschweinschinken gereicht. Wir sprechen über Innereien, über Molekularküche und teure Restaurants. Es folgen ein Windbeutel mit hiesiger Forelle, ein Sorbet mit Veilchenlikör, ein Carré vom Schweinchen in Biersoße und eine riesige Portion Vanilleeis, Mousse au chocolat, Sahne und Eierlikör. Satt und selig steigen wir nach den fünf Gängen plus Kaffee wieder in den Wagen und machen uns auf den Heimweg. Und wieder zeigt mein Navi wieder bloß rote Linie und Wald. Die Scheinwerfer des Autos beleuchten die Fichten links und rechts des Weges. Hinten im Wagen wird plötzlich vom Blair-Witch-Project erzählt. „Ruhe“, sage ich, „noch haben wir Benzin.“ Für alles andere bräuchte ich erst noch einen Trüschel-Likör.

Mehr Text von mir zum Thema hier …

Mehr Infos zum Restaurant unter www.ulftaler-schenke.be

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