miniportion 340: karpfen

18 Jan
Silberkarpfenkoteletts, Berlin 2008

Silberkarpfenkoteletts, Berlin 2008

Meine ersten eigenen Haustiere waren gelbe und rote Goldfische und ich schwöre, dass ich nie daran dachte, sie zuzubereiten und aufzuessen. Einmal aber las ich in einem meiner Goldfischbücher, dass man die Zierfische in Asien auch verspeisen würde und dass sie zwar ein wenig modrig, alles in allem aber dem Karpfen nicht unähnlich schmecken würden. Damit war mein Interesse geweckt, denn zu den kulinarischen Mythen, die man von der Nachkriegsgeneration gerne erzählt bekommt, gehört die eines Karpfens, den es entweder a) früher IMMER an Weihnachten oder wahlweise IMMER an Silvester gegeben habe oder den es b) einmal gegeben habe, weil man das auch mal ausprobieren wollte. In meiner Familie existiert eine solche Geschichte der B-Variante, die mein Vater früher gelegentlich erzählt und die im wesentlichen aus der Anekdote besteht, dass das Tier eine Weile in der Badewanne gelebt und keiner es habe umbringen wollen. Mütterlicherseits weiß ich übrigens nichts von Karpfen zu berichten, obwohl die saarländischen Großeltern das erste richtige Badezimmer der Straße anschafften und somit die logistischen Voraussetzungen vorhanden gewesen wären.

Selbst aß ich Karpfen erstmals in einem Kellerrestaurant irgendwo in Prag, dessen Karte diverse böhmische Spezialitäten beinhaltete. Der Fisch kam in Scheiben, in Bierteig ausgebacken und mit derselben dunklen Soße, mit der auch alle anderen Gerichte böhmischer Provenienz ausgestattet waren. Später, als meine Eltern mich einmal in Berlin besuchten, wagte ich mich selbst an die Zubereitung, allerdings nicht lebend und im Ganzen, sondern in appetitliche Koteletts zerteilt, die ich beim Fischhändler auf dem Wochenmarkt erstand. Das Rezept hieß „Karpfen polnisch“ und beinhaltete neben Soßenlebkuchen, Sultaninen und Mandelstiften eine ganze Menge kleiner, perfider Gräten. Meine Eltern waren höflich begeistert, erzählen seitdem aber auffallend selten von Süßwasserfischen.

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