miniportion 336: gelatine

Gelatine in Qualität Gold extra, 2013

Gelatine in Qualität Gold extra, 2013

Jahrelang aß ich Gelatine in dem Glauben, ihr regelmäßiger Verzehr sei gut für Knochen und Gelenke und stärke Sehnen und Muskelfasern. Mittlerweile bin ich ja der Überzeugung, dass diese Vorstellung hauptsächlich von ambitionierten deutschen Hausfrauen propagiert wird, die ihren hohen Verbrauch des Produktes bei der Herstellung von nahkampftauglichen Torten und Süßspeisen rechtfertigen mussten oder wollten. In der Nachkriegsausgabe vom Dr. Oetker-Schulkochbuch findet sich unter dem Stichwort „Fleisch in Gelee“ folgende hübsche Empfehlung: „Man kann sie selbst durch langes Kochen aus den Knochen lösen, kann aber auch Gelatine verwenden, was viel billiger und einfacher ist. […] Der Hausfrau ist damit das lange Kochen der Knochen […] durch die Industrie abgenommen, die ihr diese Stoffe in hygienisch einwandfreier Form in Päckchen oder Beuteln liefert.“ Dabei denke ich sofort an dubiose Gelatine-Dealer, die wohlondulierte Köchinnen mit großen Einkaufskörben an der Straßenecke unauffällige kleine Papiertütchen zusteckt.

So was gab es zuhause nicht! Nicht, weil Gelatine in Deutschland zu mehr als 70 Prozent aus Schweineschwarte, Tierknochen und -häuten hergestellt wird, sondern weil sie eine unzulässige Hilfestellung im Feld der unbedingt ehrlichen und authentischen Zubereitung von Lebensmitteln gewesen wäre. Unerlaubtes Doping in der Rührschüssel gewissermaßen. Mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass Vollkorn-Apfelkuchen mit Rosinen vom Blech auch ohne Gelatine eine ziemlich feste Nummer ist.

Trotzdem nahm auch ich, wie jeder Mensch in Europa, im Laufe meines Lebens ziemlich viel hydrolisiertes Kollagen zu mir. Heimlich in Form von Gummibärchen, ganz legal als Hauptbestandteil von rotem, gelben oder grünen Wackelpudding (den gab es nämlich durchaus ) oder als Gelatinekapsel um Medikamente herum. Sonst wären meine Knochen und Gelenke heute auch nicht so schön fest.

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