miniportion 322: sesam

Sesam im Falafel, Aachen 2013

Sesam im Falafel, Aachen 2013

Neulich aß ich mit Freundin M. und Freund B. – ich hatte mich nach langer Zeit selbst eingeladen – eine sehr überzeugende Sesam-Möhren-Feta-Quiche. Während der Mahlzeit unterhielten wir uns bei Quiche, Brot und Salat über dieses und jenes. Schließlich ging es auch um das „Lexikon der ganz persönlichen Esskultur“ und mir wurde die Frage gestellt, ob es nicht schwierig sei, 365 Begriffe aus der Welt des Essens und Trinkens zu finden, zu denen sich dann auch noch eine einigermaßen sinnvolle Geschichte erzählen lasse. Dass die Wörter mich finden, erläuterte ich, während wir zum Nachtisch die von der Tante einer in Athen wohnhaften Freundin der Gastgeber eingemachten Kirschen aßen, deren mir leider entfallene griechische Bezeichnung zu Deutsch etwa „etwas Süßes auf dem Löffel“ bedeutet. Aber ich schweife ab. „Wenn ich mich für ein Wort entscheide“, fuhr ich fort, „lasse ich es mir erst einmal eine Zeit lang durch den Kopf gehen. Die Geschichten erzählen sich dann irgendwann von selbst.“

Wuchs man in den 1980er Jahren in der westdeutschen Provinz auf, so war das Leben mit einer Ausnahme eine eher sesamfreie Zone. Da Körnergebäcke damals noch nicht en vogue waren, beschränkte sich die Variationen der regulären Brötchen auf solche mit Mohn- und solche mit Sesambelag. Was die hellen Samen auf dem Gebäck aber mit dem rätselhaften Ausspruch „Sesam öffne Dich“ aus der Geschichte von Ali Baba zu tun hatte, die mein Vater uns vorlas und die übrigens im Original-Konvolut von „1001 Nacht“ nicht enthalten ist, wollte sich mir nicht gleich erschließen. Erst vergleichsweise spät, als ich in Istanbul meinen allerersten noch warmen, duftenden Simit von einem Straßenhändler neben dem Galataturm kaufte, begriff ich, dass diese vermutlich älteste Ölpflanze der Welt in den Küchensystemen des Nahen und Mittleren Ostens eine Rolle spielt, die weit über die Dekoration eines eher pappigen Brötchens hinausreicht. Da ging das Tor zu einer anderen Welt von ganz alleine auf.

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