miniportion 296: baumkuchen

18 Nov
Konditorei mit Baumkuchen, Aachen 2010

Konditorei mit Baumkuchen, Aachen 2010

In „Das Konditorbuch“ aus dem Jahr 1964 beginnt auf Seite 125 ein Kapitel mit dem etwas merkwürdigen Titel „Werdegang eines Baumkuchens“. Was ein wenig klingt wie eine experimentelle Biografie ist in Wahrheit aber eine detaillierte und illustrierte Anleitung für die Herstellung eines gleichnamigen Kuchens, der nicht nur selbst eindrucksvoll hoch ist, sondern außerdem eine Apparatur von der Größe eines Kleinwagens erfordert. In diese wird eine sogenannte Welle eingespannt, auf der der Baumkuchenteig immer wieder mit einer Kelle aufgetragen und mit einem Pinsel abgestrichen wird. Große Maschinen fragen aber auch entsprechend viel Masse. In einem Stettiner Baumkuchen (im Gegensatz zum Kottbusser oder Salzwedeler Baumkuchen enthält er weitaus mehr Butter) werden beispielsweise 25 Eigelb und 25 Eiklar mit Zucker, Mehl, Mandeln und Marzipan zu einer Gesamtmasse von 3900 Gramm verarbeitet. Das kann man im Ganzen servieren oder aber in Ringe geschnitten zu Adventskerzenhaltern, Ananas- oder Häschenfiguren verarbeiten.

Da wir zuhause keine Baumkuchenfertigungsmaschine besaßen, war mir Baumkuchen in weiten Teilen meiner Sozialisierung unbekannt. Auch die im Dr. Oetker-Klassiker „Backen macht Freude“ gelistete Baumkuchentorte, bei der der Teig Schicht für Schicht in einer Springform gebacken ist, war mir bis zum heutigen Tag fremd. Dabei wäre mir der klassische Baumkuchen sicherlich sehr sympathisch gewesen, weil er den Einsatz von saurem Obst, der mir so manchen Kuchen vermieste, kategorisch ausschloss.

Die Gebäckspezialität scheint gegenwärtig eine eher deutsche Angelegenheit zu sein. Auf Wikipedia finden sich zwar auch spanische, englische und litauische Einträge, die aber alle auf den Namen „Baumkuchen“ hören. Lediglich die französische Version„gâteau à la broche“ aus dem Zentralmassiv ist eine eigenständige Variante. Endlich einmal ist eine deutsche Bezeichnung poetischer als das französische Pendant.

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