miniportion 265: topfenstrudel

17 Okt
Topfenstrudel, Linz 2004

Topfenstrudel, Linz 2004

In meiner Kindheit verbrachten wir immer wieder einige Tage in einem Zisterzienserkloster in der Vulkaneifel. Während meine Mutter (anfänglich auch mein Vater) basiskirchlichen Exerzitien folgte, waren wir angehalten, um die Kirche herum oder am nahegelegenen Flüsschen zu spielen. Viel lieber aber half ich den Haushälterinnen in der Wäscherei frisch gewaschene Laken in der riesige Mangel zu plätten und noch lieber war ich in der Großküche unterwegs, die sowohl die aus Jugendgruppen, Kirchengemeinden und Familien bestehenden Gäste des Klosters, als auch die dazugehörige Gaststätte versorgten. Hier bekam ich meine ersten Einblicke in das gastronomische Handwerk, durfte hier und da assistieren, in jedem Fall aber zuschauen. In dieser Hinsicht hatten die Damen in den weißen Kittelschürzen – an einen anderen Mann in der Küche kann ich mich nicht erinnern –, allen voran Frau F., große Geduld mit mir. Aus diesem Grund wusste ich schon als Kind, wie man eine „Forelle Müllerin“ zubereitet, obwohl es zu hause, wenn überhaupt nur „Forelle blau“ gab.

Manchmal, wenn in der Gaststätte nicht viel los war, durften auch ausgewählte Gäste die Küche für ihre Zwecke nutzen – vorausgesetzt, dass die Resultate der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt wurden. Da gab es beispielsweise eine ältere Dame namens Lieselotte, die wohl ursprünglich aus Österreich kam und die in meiner Erinnerung eigentlich dauerhaft anwesend war. Diese Dame gab sich eines Nachmittags die Ehre, einen Apfelstrudel herzustellen, dessen Teig sie zwischen zwei frischen Bettlaken auf dem großen Edelstahltisch in der Küche ausrollte und auszog. Dieser Vorgang, der mehrere Stunden dauerte, beeindruckte mich sehr und verlieh mir einen dauerhaften Respekt vor österreichischen Mehlspeisen.

Jahre später verzehrte ich in einer in der Linzer Innenstadt gelegenen Konditorei ein Stück Topfenstrudel, dessen fragile Teighülle an die von Lieselotte herankam. Leider durfte ich nicht in der Küche zugucken.

Eine Antwort to “miniportion 265: topfenstrudel”

  1. Kurt Arens 27. Oktober 2013 um 21:27 #

    Ich in Himmerod zu basiskirchlichen Exerzitien?

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