miniportion 223: holunder

1 Sep
Bereinigter Holunder, Köln 2011

Bereinigter Holunder, Köln 2011

Roter Holunder, so dachten wir als Kinder, sei giftig. Und da man als Kind ja einen gewissen Sinn für Dramatik hat, dachten wir gerne, er sei tödlich giftig. Deshalb kochte ich mit einem anderen Jungen aus der Straße auf einem Esbit-Kocher im Hof ein tödliches Gift, das im Wesentlichen aus rotem Holunder und den Früchten der Eberesche bestand, aber nie zum Einsatz kam. Wir hatten ja auch kein Wikipedia, dort las ich nämlich erst Jahrzehnte später, dass lediglich der Verzehr von rohen roten Holunderfrüchten zu Brechdurchfall führen könne, sie im gekochten Zustand aber durchaus essbar seien. Schwarzer Holunder, den man normalerweise für Saft oder Gelee nimmt, kam in der Nordeifel nicht so häufig vor. Vielleicht fand ich ihn auch einfach weniger interessant, weil ihm nicht der Ruf vorauseilte, tödlich giftig zu sein.

Diese Sorte entdeckte ich nämlich erst mit meinem Umzug in die Hauptstadt für mich. Als ich einmal im Treptower Park mit Schere und Eimer unterwegs war, wurde ich von diversen Berliner Senioren und Seniorinnen angesprochen, die begeistert waren, dass ein (vergleichsweise) junger Mann, einer solchen Tätigkeit nachging. „Haben wir früher ja auch gemacht“, sagten die meisten von ihnen mit einem nostalgischen Gesichtsausdruck – ohne zu begründen, warum sie damit aufgehört hatten. Grundsätzlich gehörten aber sowieso fast ausschließlich Menschen mit türkischem Hintergrund zu denen, die man dort in Parks und anderen öffentlich zugänglichen Grünflächen bei der Ernte von irgendetwas beobachten konnte. Haselnüsse beispielsweise, Mirabellen und Pflaumen oder die Früchte der so weit im Norden eher selteneren Maronenbäume. Die mehr als reiche Holunderernte blieb jedoch mir allein überlassen, was vielleicht damit zusammenhängen mag, dass die hier vorkommende Art Sambucus Nigra im Mittelmeerraum nicht bekannt ist. Vielleicht gilt sie ja als giftig. An Gelee aus Rotem Holunder habe ich mich schließlich bislang auch noch nicht getraut.

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