miniportion 164: durian

Stinkfrucht auf Hochzeit, Bonn 2005

Stinkfrucht auf Hochzeit, Bonn 2005

In Deutschland gibt es Gegenden, in denen die Menschen im Frühjahr Sinn und Verstand verlieren, bevor die ersten Spargelspitzen überhaupt aus dem Boden spähen. Durian ist der Spargel Südostasiens, obwohl mir nicht bekannt ist, ob dort auch wochenlang auf offener Straße über das Durianwetter diskutiert wird und ob es ein Patronatsfest gibt, nach dessen Verstreichen keine Durianfrucht mehr geerntet wird. Nach Vanillepudding und Fäkalien soll die sogenannte Stinkfrucht schmecken, sagt man hingegen hier in Europa. Und weil das selbst mir zu unheimlich war, beließ ich es lange Zeit beim Probieren von vorverpackten Durian-Kaubonbons, deren Aroma sich aber nur geringfügig von dem eines Himbeer-, Sanddorn- oder Holunderdrops unterschied.

Als ich aber vor ein paar Jahren Gast auf einer binationalen Hochzeit sein durfte (die kurze Haltbarkeit der Verbindung hat übrigens weder mit der dort verzehrten Durianfrucht noch meiner Trauzeugenschaft zu tun), bot sich plötzlich die Gelegenheit, die eigentliche Frucht zu versuchen. Dieses Unterfangen wurde durch die Anwesenheit von sowohl indonesischen als auch thailändischen Gästen nicht einfacher, die eine Weile brauchten, um sich auf die korrekte Öffnungsmethode der widerspenstigen Frucht zu einigen. An die Details kann ich mich nicht mehr so genau erinnern, wohl aber an die Tatsache, dass plötzlich mehrere Personen mit mehreren Messern zugleich, nicht auf einander, wohl aber auf die steinharte, weil tiefgefrorene Stinkfrucht loshackten. Das Ergebnis war mäßig aufregend, wie ich fand. Im noch eiskalten Zustand schmeckte das in der Literatur als cremig beschriebene zartgelbe Fruchtfleisch wie ein billiges Vanille-Eis mit Zwiebelstich.

So wie manche Leute sagen, dass man im Leben dringend ein Buch von James Joyce gelesen haben sollte, gibt es andere, die meinen, man müsse vor dem Tod mindestens einmal Durian gegessen haben. Ich überlege noch, welcher Aussage ich zustimme.

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