miniportion 137: sauerkirschen

7 Jun
Kirschen aus Marzipan, Caen 2011

Kirschen aus Marzipan, Caen 2011

Es gibt ein schönes Foto von meiner Schwester und mir. Wir stehen vor dem Kirschbaum meiner saarländischen Großmutter, meine Schwester hat den Arm um mich gelegt und beide tragen wir Ohrringe aus doppelten Kirschen. Der Baum war der letzte Rest einer ganzen Reihe von Obstbäumen, die es nach dem Krieg gegeben haben muss. Äpfel, Birnen, Pflaumen und Pfirsiche. Letztere hatte ich damals – aufgewachsen in der temperaturschwachen Nordeifel – noch nie am Baum gesehen. Die Nachbarn zur linken verfügten über einen ziemlich eindrucksvollen Mirabellenbaum, die auf der rechten über Kaninchenställe in einer Ecke des Gartens. Lange Zeit konnte ich mich nicht entscheiden, was ich interessanter fand. Letztendlich siegte Familie H. auf der linken Seite mit der Anschaffung zweier Frettchen. Die Schattenmorellen in der Mitte hingegen enttäuschten mich Jahr für Jahr. Schattenmorellen – was für ein Wort allein schon, das versprach Abkühlung und Erfrischung im Sommer. Von Morellen ganz zu schweigen, von deren Bedeutung ich überhaupt keine Ahnung hatte. Vollreife glänzend-pralle Früchte, fast schwarz, die schwer in der Hand lagen. Und dann kam die große Enttäuschung – weil sie einfach nur sauer waren und ihre subtilen Geschmacksnuancen für meinen kindlichen Gaumen schlichtweg nicht zu schmecken waren.

Es dauerte ein paar Jahrzehnte, bis ich mich überhaupt wieder mit Kirschen anfreunden konnte. In Berlin erzählten mir Kollegen von den Knupperkirschen aus Brandenburg, die man im Sommer in der Hauptstadt kaufen könne. „Knupper“ fand ich ein seltsames Wort, das mich am ehesten an Haselnusswaffeln erinnerte, die Deutschland morgens um halb zehn verzehrt. Auf dem Biomarkt am Wittenbergplatz erstand ich zögerlich ein Kilo Kirschen, die zwar groß und saftig aussahen, aber mit ihrer hellroten-gelblichen, fast weißen Färbung noch nicht vollständig überzeugten. Heute aber weiß ich – so was Gutes hatten wir damals im Westen nicht.

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