miniportion 129: gnocchi

30 Mai
Gnocchi, Gemüse und Fleisch, Aachen 2004

Gnocchi, Gemüse und Fleisch, Aachen 2004

Mein Freund P., der aus Oregon stammt (wie nennt man eigentlich die Bewohner von Oregon?) hat eigentlich italienische Wurzeln. Die Großeltern väterlicherseits wanderten einst aus Italien aus und in die Vereinigten Staaten ein. Eine migrantische Erfolgsgeschichte, über die sogar einmal ein Buch geschrieben wurde, dass ich aber irgendwie verlegt habe. P. lernte ich im Rheinland kennen – er als Student und ich als lokaler Betreuer des Auslandsprogramms einer kalifornischen Privatuniversität. Er sei eigentlich Italiener, betonte er bei jeder Gelegenheit und geplagt vom Heimweh verbrachte er seine Mittagspause nicht mit den Mitstudierenden sondern stets alleine in einem italienischen Restaurant in der Bonner Innenstadt. Ohne dass er mehr als ein paar – für das muttersprachliche Personal unverständliche – Standardfloskeln Italienisch gesprochen hätte, fühlte er sich hier zuhause. Und jeden Mittag begann er seinen Lunch mit einem Teller Gnocchi mit Gorgonzola, der ihm irgendwann einfach kommentarlos vorgesetzt wurde. Das mag sicherlich zum Heimatgefühl beigetragen haben.

Nachdem er einmal zum Dinner bei uns zuhause gewesen war, bestand er darauf, auch für mich und meinen Mann zu kochen. Italienisch, versteht sich, Gnocchi natürlich. Auf einem weißen Blatt Papier hatte er in den für Jungs in seinem Alter ungelenken Druckbuchstaben ein Rezept für deren Herstellung aufgeschrieben. Vermutlich von irgendjemandem auf dem Heimatplaneten per Telefon durchgegeben. Ohne jegliche Kocherfahrung aber scheiterte der junge Mann mit Pauken und Trompeten. In der Küche ja ein ziemlich alltäglicher Vorgang, für seine italienische Ehre aber eine regelrechte Katastrophe. Seine Landsfrau Julia Child schrieb einst sinngemäß am Ende eines ziemlich komplizierten und aufwändigen Rezepts für französische „quenelles“: In case of disaster – declare it a mousse.“ Aber auch diese Einsicht ist vermutlich eine Frage der Erfahrung.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: