miniportion 128: artischockenherzen

29 Mai
Artischocke kurz vor dem Verzehr, Saarbrücken 2012

Artischocke kurz vor dem Verzehr, Saarbrücken 2012

Herzen von Tieren essen wir nicht so gerne (mehr), die von Gemüse hingegen verzehren mit großer Lust. Salatherzen zum Beispiel sind seit geraumer Zeit schwer in Mode, Palmenherzen nicht mehr ganz so sehr, aber Artischockenherzen sind ein richtiger Dauerbrenner. Das mag daran liegen, dass der Verzehr von Artischocken mit seinem Zupfen, Dippen und Abziehen durchaus unterhaltsam ist und außerdem die Gesprächskultur bei Tisch fördert. Man hat den Mund nie so voll, dass man vor ausgiebigen Antworten lange kauen müsste und wenn mal inhaltlich bedingt peinliche Pausen entstehen, kann man sich ganz und gar auf das Gefummel auf dem eigenen Teller konzentrieren. Außerdem stehen Artischocken im Ruf, dass sie a) sehr gesund seien und b) beim Abnehmen helfen täten. Da geht’s ihnen ähnlich wie der Ananas und der Papaya. Artischocken sollen den Appetit anregen, die Verdauung fördern und das Cholesterin senken. Wenn das mal kein weites Aufgabenfeld ist.

Der Duden definiert ein Artischockenherz als ein „als Delikatesse geltender unterer, verdickter Teil eines Kelchblatts der Artischocke“. Weitaus geläufiger ist da der eingelegte Artischockenboden aus der Dose, der sich gerne in der Gesellschaft von Schinken auf einer Pizza quattro stagioni befindet, als dickfleischiger Bote des Frühlings gewissermaßen. Mit Sauce béarnaise gefüllt gehörte er außerdem zu den Vorspeisenbuffets meiner in den 1970er Jahren sehr frankophil veranlagten Eltern. Letztere beschränken sich mittlerweile jedoch auf den Ausschank von Cynar, einem italienischen Kräuterlikör mit Artischockenanteil.  Lässt man die Artischocke gewähren, so bekommt sie hübsche blau-violette Blüten. Im elterlichen Wohnzimmer befindet sich eine solche, die vor gefühlten 30 Jahren einmal geblüht hat und seither getrocknet in einer Vase im Bücherregal steht. Dieser einen durfte das Herz gewissermaßen so richtig aufgehen. Alle anderen wurden aufgegessen.

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